“Arbeitgeber-Blockade” für die Anti-Stress-Verordnung

Die geplante “Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit” war gestern Gegenstand eines Gipfeltreffens zwischen Bundespolitikern, Gewerkschaften und Arbeitgebern in Berlin. Dass zu diesem Termin zwischen den Beteiligten konkrete Ansätze zu einer von den Gewerkschaften geforderten “Anti-Stress-Initiative” ausgehandelt würden, war angesichts der zögerlichen Haltung von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und der tendenziellen Weigerung der Arbeitgeber von vornherein sehr unwahrscheinlich. Auch eine entsprechende gemeinsame Erklärung steht bis auf weiteres nur auf einer hypothetischen Agenda – die Arbeitgeber verweigerten gestern ihre Unterschrift.

Stressreport 2012: Jeder zweite Arbeiternehmer ist zu stark belastet

Das Material, das Ursula von der Leyen vor Spitzenpolitikern, Gewerkschaftern und Arbeitgebern präsentierte, legte im Gegensatz dazu allerdings rasches Handeln nahe. Der “Stressreport 2012″ zeigte, dass jeder zweite Arbeitnehmer derzeit unter psychischen Belastungen durch Termin- und Zeitdruck leidet. 43 Prozent der Befragten glauben, dass der Druck im Job in den letzten Jahren zugenommen hat. Auch über 70 Prozent der Arbeitnehmer, die bereits unter behandlungsbedürftigen Stresserkrankungen litten, gaben als Hauptbelastungsfaktor dauerhaften Zeitdruck an. Für die bislang größte Studie dieser Art wurden durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mehr als 17.000 lohnabhängig Beschäftigte befragt. Der letzte bundesweite Stressreport wurde 2006 erhoben.

Stressfaktoren: Zeitdruck, Multitasking, Überstunden

Bei den Detailantworten der aktuellen Studie spielten neben allgemeinem Zeit- und Arbeitsdruck als Stress-Faktoren unter anderem Belastungen durch digitale Kommunikation, Multitasking und Überstunden eine zentrale Rolle:

  • 60 Prozent der Interviewten bewältigen an ihrem Arbeitsplatz ständig mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit
  • 44 Prozent fühlen sich regelmäßig durch Telefonate oder E-Mails unterbrochen
  • 26 Prozent der Arbeitnehmer verzichten auf Pausen, weil sie zeitlich oder prozessbedingt nicht in den Arbeitsablauf passen
  • An Sonnabenden und Sonntagen arbeiten 64 respektive 38 Prozent
  • Über 50 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten pro Woche mehr als 40 Stunden, ein Sechstel von ihnen sogar mehr als 48 Stunden
  • Über fehlende Zeit für familiäre und private Interessen klagten 40 Prozent der Arbeitnehmer
  • Manifeste Stress-Symptome spielen im Alltag sehr vieler Menschen eine Rolle: 30 respektive 50 Prozent der Befragten klagten über Kopf- oder Rückenschmerzen, jeder dritte fühlt sich seelisch oder körperlich erschöpft, 25 Prozent gaben Schlafstörungen als Folge der alltäglichen Belastung an.

Volkswirtschaftlich relevant sind die Ausfälle durch Stresserkrankungen und ihre Folgen schon seit langem, im Stressreport 2012 wurden 59,2 Millionen Fehltage sowie Produktionsausfälle im Wert von 5,9 Milliarden Euro registriert.

Positive “Ressourcen”: Arbeitsklima, Handlungsspielraum, Unterstützung

Die Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Isabel Rothe, führte dazu aus, dass sich die Stressbelastung deutscher Arbeitnehmer seit 2006 nicht signifikant verändert habe, sondern auf konstant hohem Niveau geblieben sei. Besorgnis erregend sei allerdings die Dauerhaftigkeit der Stressbelastung. In ihrem Vortrag stellte sie den negativen Ergebnissen des Reports einige positive Resultate respektive “Ressourcen” des Arbeitsmarktes gegenüber: Über ein positives und kooperatives Arbeitsklima, genügend Handlungsspielraum und genügend Unterstützung durch ihre Vorgesetzten gaben jeweils 80, 70 und 59 Prozent der Befragten an. Beschäftigte aus Unternehmen, welche diese drei Kriterien erfüllen, würden deutlich seltener an Stresserkrankungen leiden. Aus Rothes Sicht ist für die Prävention von Burnout & Co. die entsprechende Qualifikation des Managements besonders wichtig, problematisch sei dabei, dass auch Führungskräfte oft stark stressbelastet seien und daher nur bedingt Unterstützung geben könnten.

Von einer gesetzlich verbindlichen Anti-Stress-Verordnung könnten vor diesem Hintergrund langfristig Mitarbeiter, Führungskräfte und auch die Arbeitgeber profitieren. Letzteren attestierte DGB-Vorstandsfrau Annelie Buntenbach gestern eine “Blockade-Politik”.

Autor:
Datum: Mittwoch, 30. Januar 2013 11:58
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Burnout-Syndrom

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben