Aus Sicht der Chefs gehören auch kranke Mitarbeiter ins Büro

Möglichst lange Anwesenheit am Arbeitsplatz gilt in Deutschland “traditionell” als wichtiges Kriterium für Leistung und Karriere. Der Fachbereich “Soziale Arbeit und Gesundheit” der Hochschule Coburg und die Personalberatung LAB & Company legten jetzt die Ergebnisse einer Studie vor, aus der hervorgeht, dass jeder dritte Chef auch von kranken Mitarbeitern Präsenz erwartet. Befragt wurden dafür 381 Manager aus verschiedenen Ebenen der internen Hierarchien, 92 Prozent der Interviewten waren Männer.

Jeder dritte Manager würde demnach erkrankte Mitarbeiter nicht nach Hause schicken, 17 Prozent der befragten Führungskräfte fanden es sogar gut, wenn jemand trotz Erkrankung im Büro erscheint. Durch das Projekt wurde zwar auch nachgewiesen, dass die Art der Fragestellung Einfluss auf die Antwort hat – trotzdem wirft die Erhebung ein recht klares Licht auf die Werte, die unseren Arbeitsalltag prägen.

Präsenzkultur in Unternehmen als realer Arbeitsdruck

Als suggestiv werteten die Forscher beispielsweise die Frage, wie die Chefs darauf reagieren, wenn bei einem “sehr dringenden Projekt” ein wichtiger Mitarbeiter mit einer fiebrigen Erkältung zur Arbeit kommt: Rund zwei Drittel von ihnen gaben an, ihn “ohne Wenn und Aber” zum Auskurieren heimzuschicken, 26 Prozent würden für den Betreffenden “Heimarbeit” organisieren. 14 Prozent der Befragten gingen davon aus, dass die Mitarbeiter schließlich erwachsen seien und eine solche Frage selbst für sich entscheiden könnten. 18 Prozent der Führungskräfte fanden gut, dass sich der betreffende Mitarbeiter offenbar sehr stark mit seiner Arbeit identifiziere. Die Maßstäbe, an denen die Chefs ihre Mitarbeiter messen, legen sie allerdings auch an ihre eigene Arbeitsleistung an. 58 Prozent von ihnen sagten, dass sie auch selbst mit einer mittelschweren Erkältung zur Arbeit gehen würden.

Druck baut sich gegenüber den Angestellten und den Führungskräften von einer anderen Seite aus auf. 63 Prozent der interviewten Manager gaben an, dass in ihren Unternehmen Beförderungen regelmäßig mit “besonders langen Arbeitszeiten” zusammenfielen. Mit einem “Anwesenheitswahn” habe dies jedoch meist nichts zu tun, vielmehr sei das individuelle Arbeitspensum in der Chef-Etage ohne einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag oft nicht zu schaffen. Gute Ergebnisse hingen in der Regel auch mit der “Bereitschaft zu mehr Zeiteinsatz” zusammen. Diese Erwartung setzt sich – auch und gerade bei Ausfall wegen Krankheit – fast zwangsläufig “nach unten” fort. 17 Prozent der befragten Manager fanden, dass man sich von häufig kranken Mitarbeitern besser trennen sollte, acht Prozent würden dagegen gerne Prämien für seltene krankheitsbedingte Fehzeiten verteilen.

Das Leistungssystem frisst “seine eigenen Kinder”

Gleichzeitig waren 81 Prozent der Chefs der Meinung, dass aktives Gesundheitsmanagement im Unternehmen dem “Wohl der Mitarbeiter” diene und zu niedrigeren Krankenständen führe, 71 Prozent schrieben einer “Verbesserung des Betriebsklimas” die gleiche Wirkung zu. Die Forscher fanden hier allerdings, dass sich die Manager mehrheitlich für “wohlfeile Antwortmöglichkeiten” entschieden haben – interessanter wären Antworten gewesen, in welchem Maß die Chefs in entsprechende Maßnahmen und Veränderungen investieren wollen.

Studienleiter Professor Dr. Eberhard Nöfer zog aus der Erhebung ein insgesamt eher negatives Fazit: Die Bereitschaft, die eigene Gesundheit sowie die der Mitarbeiter als übergeordnetes und auch betriebswirtschaftlich relevantes Gut zu sehen, sei in Deutschland schwach entwickelt. Die Folgen – Burnout, Frühpensionierungen und eine insgesamt “abnehmende Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft” – würden von den Unternehmen der Gesellschaft aufgebürdet. LAB & Company-Chef Klaus Aden brachte die Situation in deutschen Firmen mit den Worten auf den Punkt, dass das Leistungssystem seine eigenen Kinder fresse.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer sind in diesem Kontext allerdings auch die 14 Prozent der befragten Manager wichtig, deren Antworten auf die Selbstverantwortung der Mitarbeiter zielen. Leistungs- und Präsenzdruck, individuelle Karriereerwartungen und auch Ängste um den Erhalt des Arbeitsplatzes sind eine Seite der Medaille. Mit einem Leben an der Burnout-Grenze lässt sich auf Dauer jedoch keines dieser Kriterien befriedigend erfüllen. In unseren Intensivtrainings zur Burnout-Prävention lernen Sie, mit objektiven Belastungen angemessen umzugehen und nicht zuletzt, Ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

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Datum: Freitag, 14. Dezember 2012 11:25
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