Baden-Württemberg: Kompetenzzentrum zur Prävention arbeitsbedingter psychischer Leiden

Dass Schule, Beruf und Studium zu hohen psychischen Belastungen und damit auch zu psychischen Erkrankungen führen können, steht seit langem in der öffentlichen Diskussion. An den notwendigen Präventionsmaßnahmen scheiden sich jedoch die Geister: Forderungen nach gesetzlichen Regelungen für eine aktive Burnout-Prävention am Arbeitsplatz stehen Auffassungen gegenüber, dass für die Erhaltung seiner psychischen Gesundheit vorrangig der Einzelne in der Pflicht ist. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Burnout & Co. sind allerdings inzwischen unbestritten – für Unternehmen, Krankenkassen und die Gesellschaft insgesamt verursachen sie pro Jahr Kosten in Milliardenhöhe.

Baden-Württemberg reagiert darauf jetzt mit einer Initiative im medizinischen Bereich. Am Universitätsklinikum Heidelberg soll ein neues Kompetenzzentrum zur “Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen in der Arbeits- und Ausbildungswelt” (PPAA) entstehen, das aus Landesmitteln in den nächsten beiden Jahren mit jeweils 360.000 Euro gefördert wird. Das Universitätsklinikum Heidelberg hat sich zuvor bereits in anderen medizinischen Fachgebieten als deutschland- und europaweit federführendes Therapie- und Forschungszentrum etabliert. Durch das Kompetenzzentrum soll zunächst für Baden-Württemberg eine Struktur geschaffen werden, welche die Prävention arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen auf eine komplexe medizinische und wissenschaftliche Basis stellt.

Zeitfenster für Prävention von psychischen Erkrankungen durch Schule, Uni und Beruf

Das PPAA-Kompetenzzentrum wird unter der Leitung des Heidelberger Zentrums für psychosoziale Medizin entstehen und agieren. Dessen Direktor, Professor Dr. Wolfgang Herzog, hob in seinem Kommentar zur Gründung unter anderem hervor, dass psychische Krankheiten sich meist über einen längeren Zeitraum entwickeln, für das präventive Gegensteuern stehe gerade bei arbeitsbedingten psychischen Problemen ein ausreichend großes Zeitfenster zur Verfügung. Als Hauptauslöser für psychische Leiden bei Berufstätigen sowie Schülern und Studenten nannten die Experten die bekannte Liste von Faktoren: Überzogener Leistungsdruck, gestiegene Anforderungen an das Leistungs- und Wissensprofil des Einzelnen, den Wegfall von Routinearbeitsplätzen sowie verkürzte Schul- und Studienzeiten.

Interdisziplinärer Ansatz für alle medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg

Im PPA-Kompetenzzentrum arbeiten künftig Psychiater, Psychosomatiker, Gesundheitsökonomen sowie Arbeits- und Sozialmediziner der fünf medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg eng zusammen. Neben Heidelberg sind dem Projekt auch die Universitätskliniken in Freiburg, Mannheim, Tübingen und Ulm angeschlossen. Initiatoren und Mitarbeiter wollen in den nächsten Jahren ein sehr komplexes Konzept realisieren. Dazu gehören:

  • Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für Ärzte und andere medizinische Berufe sowie Führungskräfte in Ausbildungseinrichtungen und Unternehmen mit dem Ziel, diese zur Entwicklung auf Arbeitsplatz und Alter abgestimmter Präventionsprogramme zu befähigen
  • Entwicklung, Evaluierung und praktische Implementierung von Präventionsmaßnahmen in Ausbildungsstätten und Betrieben
  • Entwicklung von Präventionsprogrammen zur Rückfallvermeidung für Menschen, die bereits an schweren psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen leiden.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer bringt die Heidelberger Initiative die Erforschung, Prävention und Therapie arbeitsbedingter psychischer Leiden auch in einer weiteren Dimension ein gutes Stück nach vorn. Bei Burnout & Co. steht bisher auch immer zur Debatte, ob diese tatsächlich eine eigenständige Erkrankung sind oder vor allem den Stellenwert einer “Modeerscheinung” haben. Mit der Gründung des PPAA-Kompetenzzentrums steigen das Universitätsklinikum Heidelberg und das Land Baden-Württemberg aus dieser Diskussion endgültig aus und schaffen stattdessen die Voraussetzungen für eine praktisch und wissenschaftlich fundierte Prävention

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Datum: Freitag, 17. Mai 2013 10:37
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