Bayerische Arbeitgeber starten Aktionsprogramm gegen Burnout

Die moderne Arbeitswelt macht krank und führt bei immer mehr Beschäftigten zu Burnout und anderen psychischen Problemen. Fehlzeiten und Frühverrentungen aus diesem Grund werden für Krankenkassen und Unternehmen inzwischen teuer. Gewerkschaften und einige Politiker mahnen deshalb immer stärker eine rechtsverbindliche Regelung der psychosozialen Arbeitsbedingungen an. Eine Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes soll hier für nachhaltige Verbesserungen und die psychische Entlastung der Arbeitnehmer sorgen.

Soweit das Credo der Burnout-Diskussion in Deutschland im ersten Halbjahr 2013. Die Arbeitgeber sahen diesen Ansatz allerdings schon immer skeptisch. Verschiedene bayerische Unternehmen wollen sich jetzt mit einer eigenen Studie gegen den Vorwurf krankmachender Arbeitsbedingungen wehren. Als wissenschaftlichen Partner haben sie sich das Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München und dessen Chef, den angesehenen Psychiater Florian Holsboer mit ins Boot geholt. Veröffentlicht werden soll die Studie im Jahr 2014.

Das Arbeitgeber-Programm: Wissenschaftliche Studie, Prävention, Beratung

Vor der Beauftragung des MPI stand ein Versuch, den Kausalzusammenhang zwischen Job und Burnout durch eine Studie der Betriebskrankenkassen zu widerlegen. Die Kassen argumentierten darin kurz und knapp, dass Arbeitslose jährlich auf mehr Krankheitstage wegen psychischer Probleme kommen als Arbeitnehmer. Aufschlüsse über den Zusammenhang von Arbeitswelt und psychischen Erkrankungen brachte diese Erhebung indessen nicht. Der Verband der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber Bayme VBM will sich ein Aktionsprogramm gegen den Burnout-Vorwurf jetzt 1,7 Millionen Euro kosten lassen. Die Studie zu jobbezogenen psychischen Belastungen von Arbeitnehmern ist darin ein zentraler Punkt.

Das Aktionsprogramm der bayrischen Arbeitgeber soll neben der MPI-Studie noch weitere Punkte umfassen. Ab sofort werden Workshops zur Weiterbildung von Betriebsärzten und Führungskräften angeboten, die dem betrieblichen Gesundheitsmanagement eine andere Richtung geben sollen, die auch die psychischen Belastungen im Job stärker einbezieht. Ab September 2013 soll es außerdem eine Hotline mit zwei Psychologen geben, welche Führungskräfte und Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen des Verbandes beraten und bei Belastungssituationen frühzeitig intervenieren sollen.

MPI-Langzeitstudie mit Probanden aus den 1990er Jahren

MPI-Studienleiter Florian Holsboer gab bereits jetzt zu Protokoll, dass die wissenschaftliche Studie innerhalb des Aktionsprogramms der Arbeitgeber weltweit einmalig sei. Aus seiner Sicht ist bisher nicht einmal erwiesen, ob psychische Erkrankungen tatsächlich auf dem Vormarsch sind, da dazu bisher keine Langzeitstudien existierten. Damit widerspricht er allerdings direkt den Studien und Fehlzeitenreports diverser Krankenkassen, die seit dem Beginn der 2000er Jahre einen kontinuierlichen Anstieg der Fehlzeiten wegen Burnout & Co. vermelden. Für seine eigene Studie will er mit Probanden arbeiten, die bereits in den 1990er Jahren an MPI-Befragungen zu ihrer psychischen Gesundheit teilgenommen haben, heute zwischen 32 und 42 Jahre alt sind und mitten im Arbeitsleben stehen und damit die langfristigen Zusammenhänge von Arbeit und Psyche zeigen.

Im Übrigen ist Holsboer der Meinung, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen Arbeit und psychischen Problemen existiert, sondern diese vielfältige Ursachen haben, können, die von individuellen Veranlagungen bis zu privaten und beruflichen Belastungen reichen können. Burnout ist für ihn ein anderes Wort für eine Depression. Interessant zu wissen ist daneben, dass der Münchner Wissenschaftler auch als Gründer und Geschäftsführer verschiedener Biotechnologie- und Pharmaunternehmen tätig ist. Sein psychiatrisches Konzept fokussiert sich auf eine personalisierte pharmakogenetische Therapie von Depressionen und neurologisch bedingten Leiden.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer zeigt das Aktionsprogramm der Arbeitgeber, dass sich im Hinblick auf Burnout & Co. auch in den Chefetagen viel verändert hat – insgesamt zum Positiven. Auch die Ergebnisse der Studie dürften spannend werden. Kritisch sehen wir – nicht nur bei Florian Holsboer – die Zusammenschau von Burnout und Depression, die dazu führt, dass die gesellschaftliche Dimension der Problematik hinter dem individuellen Krankheitsbild zurücktritt.

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Datum: Dienstag, 11. Juni 2013 11:52
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