Befristete Beschäftigungsverhältnisse mit hohem Stress- und Burnout-Potenzial

Jeder zweite neue Arbeitsvertrag wird in Deutschland nur noch befristet abgeschlossen. Hinzu kommt rund eine Million Menschen, die als Zeitarbeiter beschäftigt sind. Die Bundesagentur für Arbeit meldet, dass jede dritte offene Stelle von Zeitarbeitsfirmen angeboten wird. Arbeitsmarktforscher und Gewerkschaften warnen inzwischen vor dem Auslaufmodell “Festanstellung” in Deutschland. Finanzielle Einbußen, Unsicherheit und ein insgesamt “prekäres” Leben führen für viele befristet angestellte Menschen zu einer erhöhten Stressbelastung und auf Dauer in die Burnout-Falle.

Betroffen sind davon bisher vor allem junge Arbeitnehmer bis zum Alter von 35 Jahren. In der Hoffnung auf eine unbefristete Übernahme legen sie sich oft besonders stark ins Zeug – dieses Glück hat trotzdem nur jeder Zweite. Allerdings gibt es auch bei den befristeten Verträgen große Unterschiede. Explizit krank macht oft, wenn ein Mensch mit hohem Sicherheitsbedürfnis eine befristete Stelle mit geringen Handlungsspielräumen und ohne Perspektiven für einen sicheren Anschluss-Job besetzt.

Befristete Jobs bremsen die Erfüllung elementarer Lebenswünsche aus

Stressforscher und Betroffene fassen die Situation befristet beschäftigter jüngerer Arbeitnehmer so zusammen, dass das “Job-Hopping” bis zu einem bestimmten Alter zwar akzeptabel oder sogar befriedigend ist, langfristig jedoch das “Ankommen im Leben” ausbremst. Wegen der unsicheren Jobsituation verschieben Betroffene oft ihre Pläne für Familiengründung, Hausbau oder Altersvorsorge – für viele handelt es sich dabei um elementare Lebenswünsche. Entscheidend für das Stress- und Burnout-Potential, das sich aus dieser Konstellation ergibt ist jedoch, ob ein Mensch dabei trotzdem persönliche Autonomie empfindet.

Männer leiden auf “prekären” Stellen oft besonders stark

Laut dem Statistischen Bundesamt befinden sich Frauen häufiger in befristeten Beschäftigungsverhältnissen als Männer, letztere leiden jedoch sehr oft mehr darunter. Ab einem bestimmten Alter sehen sich Männer nicht nur mit den eigenen Karriere-Ansprüchen, sondern auch mit einem wachsenden sozialen Erwartungsdruck konfrontiert – traditionelle und verinnerlichte Geschlechter-Stereotype verlangen von ihnen auch heute noch die Erfüllung einer Rolle als beruflich erfolgreicher Familienvater und “Ernährer”. Aus befristeten Verträgen oder einer Beschäftigung als Leiharbeiter ergibt sich für viele Männer damit auch eine massive Status-Problematik. Von Frauen wird umgekehrt beruflicher Erfolg in weitaus geringerem Maß erwartet.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer ergibt sich aus der Befristungs-Frage ein ähnliches Dilemma wie in der allgemeinen Burnout-Prävention: Die Regeln und Trends im Arbeitsleben können Sie aus eigener Kraft nicht ändern. Einmal abgesehen von der finanziellen Problematik, die sich aus wirklich prekären Stellen im unteren Gehaltsbereich ergibt, kommen – beispielsweise bei vielen Männern mit befristeten Verträgen – jedoch auch “Einstellungsfragen” zum Tragen. Durch Familie und unser kulturelles Umfeld sind wir in hohem Maß auf Sicherheit – und auf “Erfolg” – gepolt, zu denen bis vor kurzem eben auch die klassische Karriere inklusive einer Festanstellung gehörte. Hinzu kommt, dass heute auch ein unbefristeter Vertrag nicht zwangsläufig vor einschneidenden beruflichen “Brüchen” schützt. Autonomie erhalten Sie vor diesem Hintergrund durch Qualifikation und Offenheit für Neues, was – mit etwas Glück – auch zu Chancen führen kann, die Sie im “sicheren Job bis zum Rentenalter” weder gesehen noch wahrgenommen hätten.

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Datum: Freitag, 21. Juni 2013 11:25
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