“Bissigkeit” als Burnout-Prävention

Stress und Burnout haben durchaus verschiedene Dimensionen: Als gesellschaftliches Faktum fallen vor allem die Anforderungen des modernen Arbeitslebens ins Gewicht – Burnout wird vor diesem Hintergrund inzwischen als eine gesellschaftlich weitgehend akzeptierte psychische Erkrankung angesehen. Volkswirtschaftlich schlagen Burnout und andere Stresserkrankungen bei den Krankenkassen und in Unternehmen pro Jahr inzwischen mit Milliardenausgaben zu Buche, was ihnen auch die Aufmerksamkeit von Politikern und Spitzenmanagern sichert. Individuell spielen neben dem objektiv vorhandenen permanenten Leistungsdruck für ein erhöhtes Burnout-Risiko auch die eigenen psychischen Konstellationen – beispielsweise Perfektionismus – eine Rolle.

Der Hamburger Aggressionsforscher Jens Weidner fügte der Burnout-Debatte in einem Interview mit der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” jetzt eine weitere Facette hinzu. Seine These lautet, dass “Bissigkeit” durchaus vor einem Burnout schützen kann, er führt damit individuelle und alltägliche soziale Burnout-Ursachen zusammen.

“Gewinner-Typen” versus “Schäfchen”

Jens Weidner geht bei diesem Gedanken davon aus, dass im (Berufs-)Alltag die durchsetzungsstarken “Gewinner-Typen” dominieren. Als Mediator habe er dafür zu sorgen, dass in entsprechenden Prozessen auch “neue Spieler” ihre Chance erhalten. Menschen in ihrem Arbeitsumfeld gebe er vor diesem Hintergrund “den Segen”, sich für “eine gute Sache” bissig zu verhalten. Sie schaffen damit die Grundlage für das Durchbrechen gruppendynamischer Prozesse, die den Joballtag als “Machtspiele” durchziehen. Wer sie durchschaut und sich selbst entsprechend positioniert, gewinnt an Zeit und persönlichen Ressourcen. Die Unternehmen profitieren ebenfalls davon, da sich Mitarbeiter so wieder auf ihre “Kernarbeit konzentrieren können”.

Seinen Klienten vermittelt der Experte, dass sie – bei 20 Prozent “Bissigkeit” – trotzdem zu 80 Prozent “gute Menschen” bleiben können. Diese Mischung schützt aus seiner Sicht vor Burnout und dem Übervorteilt-Werden durch andere Menschen, gleichzeitig wirkt sie langfristig als Karriere-Motor. Das Gegenteil – eine Existenz als “Schäfchen” – ist für das Job-Umfeld bequem, da solche Typen ihre aufstiegswilligen Kollegen auch entlasten, bloßer Fleiß ist in diesem Sinne eine Barriere für die eigene Entwicklung. Außerdem sei prinzipiell jeder in seinem Job auch angreifbar, ein Anteil “Bissigkeit” sorge hier für Selbstschutz und individuelle Profilierung.

“Machtstrategisch intelligente” Positionierung oder individuelle Wege?

Jens Weidner plädiert für eine “machtstrategisch intelligente” Positionierung in der Firma, für die funktionierende Netzwerke und selbstgestellte Ziele zwingend nötig sind. Persönlich hält er im Beruf auch ein “pessimistisches Menschenbild” für nötig, im umgekehrten Fall können “Naivität” und zu viel Vertrauen zu Problemen führen. Sein Ansatzpunkt ist allerdings explizit Karriere-orientiert und zielt nicht zuletzt darauf, die erreichten Karrierestufen auch zu halten.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer muss Weidners Ansatz aus mindestens zwei Perspektiven betrachtet werden. Die Arbeit an der eigenen Karriere – inklusive “Bissigkeit” und der Erkenntnis, dass beruflicher Aufstieg meist auch mit Macht und dem Willen/der Fähigkeit, sich darauf einzulassen – zu tun hat, ist die eine Seite. Die andere ist, dass auch im Erfolgsfall ein Burnout nicht zwangsläufig ausgeschlossen wird und viele an den gefühlten gesellschaftlichen Zwängen zu Aufstieg oder Macht zerbrechen. In unseren Intensiv-Trainings zur Burnout-Prävention finden Sie für solche Reflexionen und die Entwicklung Ihrer eigenen Perspektiven professionelle Partner und einen “geschützten Raum”. Ob “Bissigkeit” tatsächlich auch zu Ihrem Weg gehört, können Sie nur selbst entscheiden.

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Datum: Mittwoch, 20. Februar 2013 11:52
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