BKK-Verband: Wachstumsraten von 1.800 Prozent für Burnout & Co.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erklärte noch vor wenigen Tagen in einem Interview, dass die Bedingungen am Arbeitsplatz nicht verantwortlich für den starken Anstieg von Burnout und anderen stressbedingten psychischen Erkrankungen sind. Eine Verpflichtung zur Prävention für Arbeitgeber und die Notwendigkeit entsprechender gesetzlicher Regelungen im deutschen Arbeitsrecht sieht er daher nicht. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) tut sich mit offiziellen und damit sanktionierbaren Maßnahmen bisher schwer. Den Unternehmen bescheinigte sie, dass hinter einer fehlenden Burnout-Prävention kein “böser Wille”, sondern in vielen Fällen eher “mangelndes Wissen” stehe. Für neue gesetzliche Vorschriften in dieser Richtung sei es noch “zu früh”, die Ursachen für Stress am Arbeitsplatz bedürften zunächst einer intensiveren wissenschaftlichen Erforschung.

Aus Sicht von Burnout-Experten und Krankenkassen ist es dagegen “fünf vor zwölf”. In der aktuellen Burnout-Debatte klingt immer wieder an, dass unsere Gesellschaft ihre Leistungsfähigkeit durch die Individualisierung des Problems und fehlende Präventionsmaßnahmen selber untergrabe. Die Krankenkassen legten dazu jetzt neue Zahlen vor: Demnach sind die Fälle von Burnout und anderen psychischen Erkrankungen in Deutschland zwischen 2004 und 2011 um 1.800 Prozent gestiegen.

Veröffentlichung unmittelbar vor Stress-Gipfeltreffen in Berlin

Diese Zahl veröffentlichte die “Welt am Sonntag” gestern unter Berufung auf Statistiken des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK). Im Fehlzeiten-Ranking der Krankenkassen liegen Burnout & Co. derzeit hinter Muskel- und Skeletterkrankungen auf dem zweiten Platz. Frauen sind – unter anderem aufgrund ihrer familiären Mehrbelastung – von psychischen Leiden deutlich häufiger betroffen als Männer.

Brisanz gewinnt diese Meldung auch durch ihren Publikationstermin. Am morgigen Dienstag findet in Berlin ein Gipfeltreffen von Bundespolitikern, Gewerkschaften und Arbeitgebern statt, das sich dem Zusammenhang von Arbeitsbedingungen und stressbedingten psychischen Erkrankungen widmet. Die Gewerkschaften fordern seit längerem eine explizite Anti-Stress-Verordnung als Ergänzung der bestehenden Arbeitsschutzgesetze. Dass darüber bereits morgen verbindliche Entscheidungen getroffen werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

Arbeitgeberpräsident akzeptiert Berufsarbeit als Stress-Faktor

Bei Dieter Hundt führte das neue Datenmaterial der Krankenkassen jedenfalls bereits zu “sanfteren Tönen”. Nachdem er die Ursachen für psychische Erkrankungen bisher konsequent im privaten Leben der Arbeitnehmer sowie genetischen Faktoren gesehen hatte, lenkte er nun gegenüber der “Welt am Sonntag” insofern ein, als auch die Berufstätigkeit bei ihrer Entstehung eine Rolle spielen könnte. Gleichzeitig betone er erneut, dass Berufsarbeit nie die einzige Ursache für psychische Erkrankungen sei und diese insgesamt positiv auf die psychische Gesundheit wirke.

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Datum: Montag, 28. Januar 2013 10:42
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