Burnout bei Ärzten – eine individuelle Frage?

Der Arztberuf ist fordernd und in aller Regel mit großem Zeitaufwand und hohen Arbeitsbelastungen verbunden. Vor allem in Krankenhäusern leiden Ärzte oft unter einem Arbeitspensum, das kaum noch Zeit für Erholung und Privates lässt. Für niedergelassene Ärzte veröffentlichte die Brendan-Schmitt-Stiftung des NAV-Virchow-Bundes in ihrer regelmäßigen “Burnout-Studie” vor zwei Jahren bereits zum fünften Mal recht interessante Zahlen. Demnach arbeiten Mediziner mit kassenärztlicher Zulassung pro Tag durchschnittlich knapp elf Stunden und behandeln in dieser Zeit etwa 50 Patienten. Als größten Konflikt in ihrer Arbeit erleben Ärzte den permanenten Zeitdruck, der es ihnen oft nicht erlaube, sich ihren Patienten angemessen zuzuwenden. Pro Patient steht niedergelassenen Ärzten im Schnitt nur ein Zeitbudget von rund 13 Minuten zur Verfügung. Diejenigen der rund 6.000 befragten Ärzte, die bereits unter Burnout-Symptomen litten, arbeiteten mit täglich 13,5 Stunden und 53 behandelten Patienten deutlich mehr und länger als ihre nicht Burnout-gefährdeten Kollegen, die durchschnittlich auf 9,8 Arbeitsstunden und “nur” 44,5 Patienten kamen.

Das Thema “Burnout bei Ärzten” wird auch auf dem nächsten Internisten-Kongress vom 6. bis 9. April 2013 eine zentrale Rolle spielen. Der jährliche Termin gehört zu den bedeutendsten medizinischen Veranstaltungen in Deutschland. Dass aus Wiesbaden demnächst neue Impulse für die aktuelle Burnout-Debatte kommen, darf als sicher gelten. Professor Dr. Ulrich Egle, Psychosomatik-Experte mit Lehrauftrag und eigener Klinik, sprach vorab in einem Interview über einige Gründe von Burnout und anderen Stresserkrankungen bei Ärzten, die nicht nur für Mediziner spannend sind.

Burnout-Gründe: Bindungsstörungen und “unreife” Konfliktbewältigung

Professor Egle definiert den Burnout-Begriff im engeren Sinne als eine Stressverarbeitungsstörung, die sich vor allem aus großem beruflichem Engagement, einem hohen Maß an sozialer Motivation und Empathie ergibt. Vor allem bei der Behandlung chronisch Kranker stießen gerade Ärzte mit diesen Eigenschaften oft irgendwann an ihre Belastungsgrenzen. Die “Schuld” daran würden sie meist in äußeren Faktoren suchen – wichtig sei jedoch auch der Blick auf die individuellen Konfliktbewältigungsstrategien. Ein hohes Burnout-Risiko ergebe sich beispielsweise aus einer fortdauernden “Überidentifikation” mit den Patienten. Perfektionisten setzen sich zusätzlich mit den eigenen Leistungsanforderungen unter Druck. Weiteres Stresspotential ergebe sich auch aus der lebensgeschichtlichen Erfahrung.

Ulrich Egle ist der Meinung, dass Menschen, die in ihrer Kindheit sichere Bindungen zu mindestens einer Hauptbezugsperson erfahren haben, deutlich weniger anfällig für Stress und Burnout sind als Personen, für die unsichere Bindungen zu ihrer Grunderfahrung zählen, die speziell bei Ärzten später auch einen wesentlichen Einfluss auf die Arzt-Patient-Beziehung haben. Der erfahrene Psychiater schätzt, dass insgesamt rund ein Drittel der Bevölkerung unter den Folgen “ungünstiger Bindungskonstellationen” leide. Diese hätten langfristig “unreife Konfliktbewältigungsstrategien” zur Folge, für die verschiedene Studien gesundheitsgefährdende und sogar lebenszeitverkürzende Konsequenzen belegen.

Burnout als Folge individueller Defizite?

“Unreife Strategien” führen aus Egles Sicht dazu, dass sich die Betreffenden in ihrer Tätigkeit dauerhaft getrieben fühlen, aus Versagensängsten oder dem Wunsch nach Anerkennung heraus auf Überforderungen nicht mit Grenzen, sondern noch mehr Arbeit reagieren und eigene Bedürfnisse weder selbst akzeptieren noch geltend machen. “Reife Strategien” äußerten sich dagegen in Eigenschaften wie Humor, Antizipation und Strukturiertheit sowie der Fähigkeit, eine “nicht veränderbare Realität zu akzeptieren. Gerade Ärzte sollten mehr über die Mechanismen lernen, die zu chronischer Erschöpfung und zu Burnout führen – ein besonderes Risiko dafür trügen Menschen, die über ihre persönlichen Belastungsreaktionen wenig oder gar nichts wissen. In Wiesbaden wird Professor Egle im April einen Plenarvortrag zu neurobiologischen Grundlagen von Stressverarbeitungsmechanismen und Bindungstypologien halten.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer liefert Ulrich Egle mit seinem Forschungsansatz ein mindestens für Burnout-Betroffene eher zweischneidiges Konzept. Dass unsere individuellen Reaktionen auf Belastungen auch lebensgeschichtliche Ursachen haben, steht außer Frage. Die Fokussierung auf “reife” und “unreife” Stress- und Konfliktbewältigungsstrategien enthält jedoch auch den immanenten Vorwurf, dass Burnout-Opfer unter zumindest der Tendenz nach selbstverschuldeten Defiziten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und/oder Lebensbewältigung litten. In unseren Intensivtrainings zur Burnout-Prävention werden Sie trotz intensiver Arbeit auch an Ihren “inneren Stressoren” derart wertenden Erklärungs- oder Therapiekonzepten nicht begegnen. Auch im Hinblick auf das Burnout-Risiko von Ärzten verweisen die Daten aus der NAV-Virchow-Studie im Übrigen deutlich auf die objektiven Belastungen ihres Berufs.

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Datum: Freitag, 15. Februar 2013 11:41
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