Burnout – eine Phantom-Debatte?

Burnout & Co. – also psychische Erkrankungen, die ihren Ursprung vor allem in den Belastungen des modernen Arbeitslebens haben – entwickeln sich immer stärker zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema. Entsprechend kontrovers ist die öffentliche und politische Debatte dieser Frage – erst in dieser Woche verweigerten die Arbeitgeberverbände ihre Unterschrift unter ein Positionspapier, das zumindest aus Gewerkschaftssicht den Weg zu einer gesetzlichen Anti-Stress-Initiative ebnen sollte. Fakt ist: Stressbedingte Leiden beeinträchtigen den Alltag vieler Menschen und sind inzwischen auch ein negativer Wirtschaftsfaktor.

Vor diesem Hintergrund meldete sich die “Süddeutsche Zeitung” jetzt mit einem interessanten Kommentar zu Wort, der bereits im Titel die provokante Frage stellt, inwiefern Stress und Burnout zum “Phantomschmerz” werden.

Bekommen nur noch Leistungsverweigerer keinen Burnout?

“SZ”-Autorin Sibylle Haas machte in ihrem Artikel deutlich, dass es ihr nicht darum geht, psychische Leiden kleinzureden oder ein Plädoyer für “mehr Ausbeutung im Arbeitsleben” abzugeben. Die aktuelle Burnout-Diskussion erwecke jedoch immer mehr den Eindruck, dass Arbeit generell zu seelischen Beschädigungen führe. Dass Arbeit dem Leben vieler Menschen Sinn und Struktur verleihe oder arbeitslose Menschen deutlich öfter unter Depressionen leiden, gehe in der aktuellen Debatte dagegen oft verloren.

Sibylle Haas liegt mit diesen Argumenten scheinbar auf der gleichen Ebene wie Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der diese Punkte in den vergangenen Wochen wiederholt betonte. In der “SZ” geht es in diesem Kontext jedoch um eine weitere Facette: Burnout ist – nicht zuletzt durch die diversen Prominenten, die ihre Burnout-Stories öffentlich machten – derzeit auch mediengerecht und “trendy”. In manchen Talk-Runden, in denen es um dieses Thema geht, dränge sich geradezu der Gedanke auf, dass Menschen, die noch keinen Burnout haben, eigentlich zu wenig leisten.

Die steigenden Ansprüche in den Industriegesellschaften schaffen auch die Basis, dass wir immer höhere Maßstäbe für unser eigenes Leben setzen und versuchen, als perfekte Leistungsträger im Beruf, perfekte Partner und perfekte Eltern aufzutreten. Das alles soll auch noch mit möglichst großer Leichtigkeit geschehen. Auch unseren Kindern vermitteln wir schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, dass der eigene Leistungsanspruch und natürlich Perfektion Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start ins Leben sind.

Natürlich sei auch die moderne Arbeitswelt auf Wachstum, Effizienz und damit Leistungsdruck getrimmt. Globalisierung und Digitalisierung haben parallel dazu in den letzten Jahrzehnten die Voraussetzungen für immer höhere Anforderungen an gegebene wirtschaftliche Strukturen und an den Einzelnen geschaffen. Die Frage sei vielmehr, ob dies – die Arbeit in einer grundsätzlich “wettbewerbsorientierten Gesellschaft” – bereits psychisch krank macht. Vor 20 Jahren waren beispielsweise “Rückenleiden” eine als Stress- und Belastungsfolge gesellschaftlich akzeptierte Diagnose. Aus Sicht von Sibylle Haas ist dies heute umgekehrt: Stress und Burnout verweisen heute nicht nur auf die Folgen der objektiv gewachsenen Belastung, sondern stellen auch eigenes sozial angemessenes Verhalten – Leistungsbereitschaft und Job-Orientiertheit – heraus. Parallel dazu sei ein ganzer “Psycho- und Wellness-Markt” entstanden, der natürlich seine Kunden braucht.

Perfektionismus versus “mündige Arbeitnehmer”

Der Kommentar der “SZ” stellt als Konsequenz daraus auf den “mündigen Arbeitnehmer” ab, der auch selbst entscheiden muss, welches Maß an Überstunden und Erreichbarkeit für ihn noch vertretbar sind, sich unter Umständen aber auch die Frage nach neuen persönlichen Orientierungen und Werten stellen muss. Der “inflationäre Gebrauch” des Burnout-Begriffes schiebe die Verantwortung dafür anderen – dem Unternehmen, dem Chef, den Politikern – zu. In diesem Sinne blockiere er Veränderungen oder führe dazu, dass “echte” Krankheiten nicht erkannt oder verharmlost würden.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer kommt in diesem Text mehr als ein bedenkenswerter Punkt zur Sprache. Dass neue Arbeitsschutzgesetze die Belastung des Einzelnen deutlich verringern werden, ist mindestens auf absehbare Zeit eher unwahrscheinlich. Die von den Gewerkschaften geforderte Anti-Stress-Verordnung orientiert sich letztlich ebenso wie das bestehende Arbeitsrecht an den Bedingungen der “traditionellen Industriegesellschaft”. Die moderne Arbeitswelt fordert den Einzelnen zwar über den herkömmlichen Acht-Stunden-Tag hinaus, schafft aber auch positive Flexibilität und Handlungsspielraum. In unseren Intensiv-Trainings zur Burnout-Prävention arbeiten Sie zusammen mit unseren Experten auch an diesem Thema und finden Lösungen für eine bessere Work-Life-Balance in Ihrem eigenen Alltag.

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Datum: Freitag, 1. Februar 2013 11:32
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