Burnout-Förderung durch unzureichende staatliche Gewerbeaufsicht?

Erschöpfung, Burnout, Depressionen – das Thema psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz gewinnt in der medialen Diskussion, im Bewusstsein der Arbeitnehmer und als wirtschaftlicher Negativ-Faktor immer größeren Raum. Statistisch gesehen bleibt jeder lohnabhängig Beschäftigte in Deutschland seiner Arbeit jährlich rund zwei Tage wegen krankmachender psychischer Belastungen fern. Das Bundesarbeitsministerium bezifferte allein den Produktionsausfall wegen psychisch bedingter Fehlzeiten auf eine Summe von jährlich acht bis zehn Milliarden Euro. Auch die gesetzliche Rentenkasse sieht Grund zur Sorge – von insgesamt 178.000 neuen Anträgen für eine Frühverrentung wurden 75.000 wegen psychischer Erkrankungen bewilligt.

Die aktuelle Diskussion dreht sich allerdings bisher kaum um “harte Fakten” – die Rede ist vor allem davon, in den Führungsetagen der Unternehmen einen Bewusstseinswandel zu bewirken und eine aktive Burnout-Prävention sowie die positive Work-Life-Balance der Mitarbeiter als Management-Kriterium zu definieren. Die Realität sieht in den meisten Fällen anders auch – der Regelfall besteht in der firmeninternen Voraussetzung von ständiger Erreichbarkeit, Überstunden und der Unterordnung des gesamten Lebens unter betriebliche Belange.

“Ausbluten” der Gewerbeaufsichtsämter als Burnout-Faktor?

Kritik an der politischen Dimension der Frage kam jetzt auch von einer anderen Seite. Die Gewerbeaufsichtsämter sind in Deutschland die einzigen Behörden, die das Recht besitzen, die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen zu kontrollieren und gegebenenfalls Veränderungen einzuleiten. Seit Mitte der 2000er Jahre reduziert wird ihr Personal jedoch kontinuierlich abgebaut.

Die Zahl der Betriebsprüfungen ist zwischen 2005 und 2010 um rund ein Viertel auf jährlich 122.000 Fälle oder fünf Prozent aller Unternehmen gesunken. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz wurden nur bei jeder 90. Betriebsprüfung überhaupt zum Thema. Im gleichen Zeitraum verloren die Ämter laut Angaben des Bundesarbeitsministeriums rund 17 Prozent an Personal.

Neue Leitlinien versus Realitäten in der Arbeitswelt

Das Ministerium arbeitet derzeit an einer “Leitlinie Beratung und Überwachung zu psychischer Belastung” für die Gewerbeaufsichtsämter. Die personelle Umsetzung der Vorgaben dürfte allerdings spannend werden – erforderlich sind dafür unter anderem speziell geschulte Behördenmitarbeiter mit Beratungskompetenz auch gegenüber Führungskräften. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) folgte in ihrer Stellungnahme früheren Statements von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen – demnach reichen die bestehenden Arbeitsschutzgesetze sowie diverse DIN-Normen, die auch Vorschriften für den Umgang mit “psychisch belastenden Faktoren” enthalten, völlig aus und müssten im Unternehmensalltag lediglich tatsächlich angewendet werden.

Moderne arbeitsmedizinische Erkenntnisse widersprechen dem Sinn verstärkter staatlicher Kontrollen ohnehin – Arbeitsdruck durch Angst vor Arbeitsplatzverlust, fehlende Perspektiven oder ungerechte Bewertung und Bezahlung als wesentliche Burnout-Faktoren werden von ihnen nicht berührt.

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Datum: Mittwoch, 25. Juli 2012 11:54
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