DAK-Gesundheitsreport 2013: Burnout ist kein Massen-Phänomen

Arbeitsstress und Burnout entwickelten sich im vergangenen Jahr zu einem recht zentralen Medien-Thema. Im Fokus der öffentlichen Diskussion stehen in immer stärkerem Maße ihre volkswirtschaftlichen Folgen – Fehlzeiten, Frühverrentungen, Produktionsausfälle und Behandlungskosten für arbeitsbedingte psychische Erkrankungen verursachen inzwischen jährliche Ausgaben in zweistelliger Milliardenhöhe. Der Zusammenhang von permanenter Überforderung im Job und dem Boom von Burnout-Fällen wurde von den meisten Akteuren der Debatte bisher nicht bestritten.

Nachdem die Arbeitgeber in den letzten Wochen gesetzliche Regelungen für eine aktive Burnout-Prävention in den Unternehmen torpedierten und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt Gründe für die Zunahme psychischer Erkrankungen vorrangig in der privaten Lebensführung sowie genetischen Faktoren suchte, konzentriert sich die Burnout-Diskussion nun offensichtlich wieder auf die Frage, ob die chronische Erschöpfung tatsächlich eine Krankheit ist. Als Gegenargument gegen den Krankheitswert des Burnout-Syndroms wird aktuell vor allem der “Gesundheitsreport 2013″ der DAK herangezogen.

Burnout – “gesellschaftsfähiger” als Depressionen

Für die Studie werteten die DAK und das Berliner IGES-Institut für den Zeitraum 1997 bis 2012 die Fehlzeiten von rund 2,7 Millionen Versicherten der Kasse aus. Ergänzt wurde der Bericht durch bundesweite Online-Interviews mit 3.090 erwerbstätigen Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, bei denen Daten zur psychischen Gesundheit der Befragten erhoben wurden. DAK-Chef Herbert Rebscher zog daraus das Fazit, dass Burnout nicht den Stellenwert eines “Massenphänomens” besitzt. Der Begriff sei in der öffentlichen Meinung lediglich positiver besetzt und damit “gesellschaftsfähiger” als beispielsweise Depressionen. IGES-Geschäftsführer Hans-Dieter Nolting rechnete vor, dass die Diagnose “Depression” mehr als acht Mal so viele Fehltage verursache wie Krankschreibungen wegen Burnout. Als Zusatzdiagnose werde dieser nur bei jeder 330. Frau und jedem 500. Mann auf dem Krankenschein vermerkt.

Die Fehlzeiten von Arbeitnehmern wegen psychischer Erkrankungen haben allerdings im Untersuchungszeitraum dramatisch zugenommen und erreichten mit einem Anstieg von insgesamt 165 Prozent im Jahr 2012 ein Rekordhoch. Während 1997 nur jeder 50. Erwerbstätige wegen einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben wurde, meldete sich 2012 wegen eines psychischen Leidens jeder 22. Arbeitnehmer krank. Depressionen allein verursachten m vergangenen Jahr 85 Fehltage pro 100 Arbeitnehmern.

Nach wie vor starke betriebliche Stigmatisierung psychischer Leiden

Trotzdem entwickeln sich die Deutschen nach Meinung von Experten nicht zu einem “Volk von psychisch Kranken”. Epidemiologische Studien zeigen, dass die Verbreitung psychischer Erkrankungen seit Jahrzehnten nahezu gleichgeblieben ist. Geändert habe sich vor allem, dass die Hemmschwellen, mit einer psychischen Störung zum Arzt zu gehen, deutlich niedriger geworden sind und dass Patienten sowie Ärzte auf die entsprechenden Krankheitsbilder sensibler reagieren. DAK-Chef Rebscher hob allerdings hervor, dass die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen – unter anderem durch die Verwendung des Burnout-Begriffes – im allgemeinen Alltag oder im Arzt-Patienten-Verhältnis nachgelassen habe, in den Betrieben jedoch auch heute ungebrochen sei, was in der DAK-Studie durch einen Vergleich der Jahre 2004 und 2012 nachgewiesen werde.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer ist es inzwischen überfällig, das Burnout-Syndrom als eigenständiges Krankheitsbild und damit als Behandlungsdiagnose zu definieren. Ein solcher Schritt würde nicht nur die Beurteilung des direkten Zusammenhangs von Arbeitswelt, psychischem Druck und der Zunahme arbeitsbezogener psychischer Erkrankungen objektivieren, sondern gleichzeitig den Burnout-Betroffenen helfen, die sich mit ihrem Leiden bisher in einer “medizinischen Grauzone” wiederfinden. Der Ansatz, dass hinter einem Burnout in Wirklichkeit offene oder latente Depressionen stehen, relativiert den Arbeits- und Überlastungs-Kontext der Erkrankung und leistet ihrer Individualisierung Vorschub.

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Datum: Mittwoch, 27. Februar 2013 11:14
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