Europäische Depressionsstudie – jeder fünfte Europäer ist betroffen

Spätestens seit der Vorlage der Fehlzeitenberichte verschiedener Krankenkassen im vergangenen Sommer ist klar, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout – als Grenzgänger zwischen “echter” Depression und dauerhafter Arbeitsüberlastung – auch ein mit Beträgen in Millionenhöhe zu Buche schlagender volkswirtschaftlicher Faktor sind. Bisherige epidemiologische Studien gehen davon aus, dass in Europa rund 15 bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben von einer Depression betroffen sind.

Die European Depression Association (EDA) hat jetzt eine neue Studie erhoben, für die zwischen 30. August und 19. September 2012 Daten von 7.065 Probanden aus ganz Europa im Rahmen von Online-Interviews erhoben wurden – erste Ergebnisse wurden in dieser Woche in Brüssel publiziert, die komplette Studie wird 2013 vorgelegt. Für 2010 gab die EDA innerhalb der EU volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von rund 92 Milliarden Euro an, die durch Fehlzeiten sowie die Behandlung von Depressionen und Burnout verursacht werden. Der EDA gehören Forscher, Ärzte, medizinisches Personal, Organisationen und Patienten aus 17 europäischen Ländern an.

Deutsche Depressions-Patienten mit geringster Unterstützung durch Arbeitgeber

Nach den aktuellen Zahlen der EDA verursacht jeder Depressions-Schub im Durchschnitt eine Ausfallzeit von 36 Arbeitstagen. Bei jedem fünften Befragten wurden in der Vergangenheit bereits einmal Depressionen diagnostiziert. Am häufigsten betroffen sind mit 26 Prozent die Briten, in Italien – als dem Schlusslicht der neuen europäischen Depressionsstatistik – litten dagegen nur 12 Prozent an Depressionen.

Für Deutschland wurde diese allgemeine Depressions-Rate bisher nicht veröffentlicht – die Deutschen blieben wegen eines depressiven Schubs jedoch mit 61 Prozent am häufigsten der Arbeit fern, die entsprechenden Krankheitstage umfassten im Schnitt jeweils 41 Tage. Gleichzeitig klagten deutsche Arbeitnehmer mit dieser Diagnose stärker als alle anderen Europäer über mangelnde Unterstützung durch ihre Unternehmen.

Nur jeder zehnte depressive Deutsche wird adäquat behandelt

Detlef Dietrich, der ärztliche Direktor des Ameos-Klinikums in Hildesheim und Deutschland-Koordinator des Europäischen Depressionstages, der jeweils am 1. Oktober für die immer noch tabuisierte Krankheit sensibilisieren soll, erklärte in einem aktuellen Interview, dass viele Depressionen auch heute nicht erkannt und folglich nicht behandelt werden. Aufklärung über mögliche Symptome einer Depression wie Energiemangel, innere Unruhe, Schlafstörungen und Ängste, aber auch damit einhergehende psychosomatische Probleme sei daher dringend nötig. Der Mediziner schätzt, dass in Deutschland derzeit rund vier Millionen Menschen unter Depressionen leiden, von denen nur etwa zehn Prozent eine adäquate Therapie erhalten. Hausärzte und Patienten konzentrierten sich bei der Diagnose ebenso wie in der Behandlung oft auf körperliche Begleiterscheinungen wie beispielsweise Rückenschmerzen.

Die Ursachen von Depressionen sind aus Dietrichs Sicht sehr oft am Arbeitsplatz zu finden – Aufgabenverdichtung oder auch die Unsicherheit der Arbeitsstelle insgesamt seien eine große psychische Belastung. Andererseits könne eine Arbeit, die Spaß macht und nicht durch Über- oder Unterforderung geprägt ist, das beste Antidepressivum sein.

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Datum: Mittwoch, 3. Oktober 2012 11:07
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