Hamburg: Online-Petition gegen G8-Abitur und Schulstress

Burnout-relevanter Schulstress in der gymnasialen Oberstufe ist ein Thema, das in der aktuellen Burnout-Debatte meist zu kurz kommt. Vor einigen Wochen ließen wir im Anti-Burnout-Blog Dennis Schendzielorz, Schüler einer 11. Klasse in Hagen, zu Worte kommen – neben allgemeinem Stress durch Leistungsdruck und hohe Stundenzahlen konstatierte er als Folgen des zu hohen Druckes in seiner Altersgruppe unter anderem die Verlust von Motivation und Selbstwert, Leistungsversagen oder Zukunftsängste. Das Problem insgesamt ergibt sich nicht nur aus den Leistungsgrenzen einzelner Schüler oder dem ungünstigen Klima an einer konkreten Schule, sondern vor allem aus dem G8-Prozess: Durch diese Bildungsreform wurde in Deutschland das “Turbo-Abitur” nach zwölf Jahren zur Regel. Aus der verkürzten Schulzeit soll sich unter anderem eine bessere Wettbewerbsfähigkeit deutscher Abiturienten im internationalen Vergleich ergeben. Allerdings wurden die Lehrpläne dafür nicht entsprechend angepasst – stattdessen müssen die Schüler den Stoff von 13 Jahren in einem 12-Jahres-Curriculum schaffen.

Online-Petition gegen “G8″ – 2.592 Unterschriften in fünf Tagen

Eine Hamburger Mutter macht jetzt in ihrer Stadt gegen die neue Regelung mobil. Mareile Kirsch kämpft seit zehn Jahren gegen die Schulzeitverkürzung in der gymnasialen Oberstufe. Jetzt hat sie eine Online-Petition gestartet, die innerhalb von fünf Tagen bereits 2.592 Unterschriften von betroffenen Eltern erhielt. Das Fazit der Initiatorin: Die große Resonanz darauf zeigt deutlich, dass viele Eltern den Zwang zur achtjährigen Gymnasialstufe (G8) nicht mehr wollen.

Schule “tyrannisiert” Familien – 80 Prozent der Eltern sind gegen Turbo-Abitur

Eine Emnid-Umfrage kam bereits vorher zu den gleichen Resultaten: Rund 80 Prozent der Eltern sind gegen das G8-Diktat. Seit der Schulreform leiden die Kinder unter 45-Stunden-Wochen, in denen Freizeit nicht mehr vorgesehen ist. Mareile Kirsch fasste im Interview einige Eltern-Meinungen zusammen: Ein Vater hatte ihr gegenüber beispielsweise geäußert, dass die Schule seine Familie “tyrannisiert”, eine Mutter berichtete, dass ihr Sohn trotz guter Noten morgens “weinend in die Schule” gehe. Nach dem Abitur setze sich der Druck durch das verkürzte Bachelor-Studium mehr oder weniger nahtlos fort. Dieser Stress müsse früher oder später fast zwangsläufig zum Burnout führen.

Neben dem “Burnout”-Potenzial der neuen Regelungen kritisierte Mareile Kirsch auch die inhaltlichen Verluste durch das “Turbo-Abitur”. Sie betonte, dass es ihr dabei nicht um eine Frontstellung gegen die neue Hamburger “Stadtteilschulen” gehe, die bei einer generell berufsorientierten Orientierung allen Schülern die Möglichkeit des Abiturs in einem integrierten Ansatz offenhalten sollen. Gymnasien sollten demgegenüber jedoch auf eine vertiefende – und damit zeitintensivere – Allgemeinbildung zielen.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer kommen als Hintergründe der aktuellen Schulpolitik in Deutschland und der Initiative von Mareile Kirsch weitere Fragestellungen zum Tragen: “Schneller, intensiver, leistungsstärker” gilt als grundlegende Forderung nicht nur für unsere Schulen, sondern die gesamte Arbeitswelt – wer nicht mithalten kann, ist in diesem System schnell “abgeschrieben”. Die Burnout-Diskussion der letzten Jahre wirft ein immer stärkeres Licht darauf, dass die Folgen nicht allein dem Einzelnen zuzuschreiben sind, sondern die Gesellschaft insgesamt – Unternehmen, Arbeitgeber und auch Schulen – neue Wege zum Umgang mit der wachsenden Stressbelastung finden muss.

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Datum: Montag, 21. Januar 2013 11:26
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