Jeder zweite Erwerbstätige geht auch krank zur Arbeit

Nach einem historischen Tiefstand im Jahr 2006 stieg der Krankenstand deutscher Arbeitnehmer in den Folgejahren wieder sukzessive an. Anfang 2012 meldete die “Süddeutsche Zeitung” den “höchsten Krankenstand seit 15 Jahren. In den vergangenen Monaten spielten in der öffentlichen Debatte vor allem aktuelle Zahlen zur regelrecht explosiven Zunahme von Fehlzeiten und Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen eine zentrale Rolle.

Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt jetzt eine andere Facette: In der Erwerbstätigenbefragung 2011/12 gab mehr als jeder zweite an, dass er auch krank zur Arbeit gehe. Im Durchschnitt gaben die Befragten an, dass sie in den letzten zwölf Monaten an 11,5 Tagen trotz einer Erkrankung an ihrem Arbeitsplatz erschienen waren, an weiteren 17,4 Tagen blieben sie dagegen krank zu Hause. Für die repräsentative Studie wurden bundesweit Daten von 20.000 Erwerbstätigen erhoben.

Leistungs- und Termindruck, fehlende Vertretungen, Angst vor Entlassung

Bei den 57 Prozent der Befragten, die trotz einer Krankheit zur Arbeit gingen, zeigte sich, dass sie dieses berufliche Engagement in vielen Fällen mit Krankschreibungszeiten kombinierten. 36 Prozent von ihnen fehlten in einer Krankheitsphase zumindest zeitweise auf Krankenschein. 27 Prozent der Interviewten waren im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben weder krank noch krankgeschrieben.

Aus der Studie gingen auch Details hervor: Beschäftigte, die an ihrem Arbeitsplatz stark unter Leistungs- und Termindruck leiden, gaben besonders häufig an, auch bei Krankheit in der Firma zu erscheinen. Auch fehlende Vertretungsmöglichkeiten sowie die Angst, dass Fehlzeiten zur Entlassung führen könnten, spielten hierbei eine Rolle. Besonders betroffen sind Erwerbstätige in Bauwesen und Landwirtschaft sowie in Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialberufen.

Präsentismus-Kultur – für Unternehmen und Gesellschaft teuer

Für das Arbeiten trotz Krankheit sahen die Experten der BAuA allerdings noch einen anderen Grund: In vielen Unternehmen herrsche nach wie vor eine “Kultur des Präsentismus“. Als leistungsbereit und karrierefähig gelten bisher meist vor allem Arbeitnehmer, die ihre privaten Bedürfnisse den Anforderungen des Jobs so weit wie möglich unterordnen und unabhängig von ihrem persönlichen Befinden an ihrem Arbeitsplatz präsent sind. De BAuA-Wissenschaftlerin fasste in einem Kommentar zur Studie zusammen, dass Präsentismus der “unsichtbare Teil des Eisbergs” sei, der sich irgendwann in langfristiger Arbeitsunfähigkeit und gravierenden Stress-Erkrankungen niederschlage. Durch andere Untersuchungen sei nachgewiesen, dass die Folgekosten des Präsenz-Zwangs für Unternehmen und Gesellschaft mindestens so hoch sind wie die Ausgaben für krankheitsbedingtes Fehlen.

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Datum: Mittwoch, 6. Februar 2013 9:58
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