Männergesundheitsbericht 2013: Seelische Probleme von Männern werden übersehen

Laut dem letzten Gesundheitsbericht der BKK ist die Burnout-Rate bei Frauen ebenso wie bei Männern deutlich angestiegen. Im Jahr 2004 zählte die BKK pro 1.000 Versicherten wegen Burnout, chronischer Erschöpfung und anderen psychischen Problemen bei Frauen sechs und bei Männern lediglich 3,5 Fehltage pro Jahr, 2011 waren diese Werte auf 110 respektive 68,4 Fehltage angestiegen. Bei diesen Zahlen fällt nicht nur das generelle Wachstum der Fehlzeiten wegen psychischer Symptome, sondern auch der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Patienten ins Auge. Sind Frauen also im Hinblick auf ihre psychische Robustheit das “schwächere Geschlecht” oder werden die seelischen Probleme von Männern, Ärzten und Gesellschaft aufgrund tradierter Rollenbilder weitestgehend übersehen?

Dieser Frage geht jetzt der “Männergesundheitsbericht 2013″ nach, den die DKV-Krankenversicherung und die Stiftung Männergesundheit gestern in Berlin erstmals öffentlich präsentierten. Der Report fokussiert sich in diesem Jahr eindeutig auf die psychische Gesundheit der männlichen Bevölkerung. Das Fazit der Erhebung ist ernüchternd: Psychische Leiden bei Männern werden häufig übersehen oder fehlgedeutet, auch Ärzte fragen hier nur selten nach. Als Indiz dafür führten die Autoren der Studie unter anderem verschiedene Statistiken und Studien an, nach denen Frauen deutlich häufiger als Männer unter Depressionen leiden. Bei den Suiziden ist das Verhältnis genau umgekehrt – Männer nehmen sich drei Mal häufiger als Frauen selbst das Leben, vor dem Suizid haben sie häufig an einer unerkannten Depression gelitten.

Kommunikationsblockade zwischen männlichen Ärzten und Patienten

Die Ursachen der “Depressionsblindheit” bei männlichen Patienten sehen die Studienautoren in mehreren Faktoren: Männer verstecken Depressionen, Angstgefühle oder einen Burnout gern hinter betont aggressivem oder risikofreudigem Verhalten oder greifen zu Alkohol und Drogen. Hinter solchen “externalisierten Symptomen” treten Selbstzweifel und Niedergeschlagenheit oft weit zurück. Gleichzeitig verhindert ein männlich geprägter Kommunikationsstil, dass psychische Probleme zwischen Ärzten und Patienten überhaupt zur Sprache kommen. Männer halten sich in Bezug auf seelische Leiden “traditionell” weitgehend bedeckt, außerdem neigen viele Ärzte dazu, gegenüber männlichen Patienten weniger einfühlsam und autoritärer aufzutreten. Außerdem gelten psychische Erkrankungen unter Männern nach wie vor als starkes soziales Stigma respektive als Ausdruck persönlichen Versagens.

Der “Männergesundheitsbericht 2013″ kommt zu dem Schluss, dass Männer mit ihren psychischen Problemen oft alleingelassen werden, jedoch gerade unter Stress am Arbeitsplatz oft in deutlich höherem Maße leiden als Frauen. Zudem werden sie bereits in der Kindheit – sowohl als Opfer als auch als Täter – deutlich häufiger mit Gewalt konfrontiert als das weibliche Geschlecht. Spätere Angststörungen äußern sich bei Männern zudem oft als Gewaltausbrüche – und werden so ebenso wie Depressionen in vielen Fällen übersehen. Statt einer professionellen Therapie folgen darauf außerdem gesellschaftliche Sanktionen.

Männer leiden still – und sterben früher

Die Autoren des Berichts fanden für die Missstände im Bereich der Männergesundheit klare Worte – die Münchner Sozialwissenschaftlerin und Psychologin Anne Maria Möller-Leimkühler beklagte beispielsweise, dass diese sich medizinisch und im öffentlichen Bewusstsein oft in der Urologie erschöpfe. Psychische Störungen bei Männern würden oft erst im Kontext schwerer Gewaltdelikte zu einem öffentlichen Thema. Psychosomatische Zusammenhänge sowie seelische Nöte als Krankheitsgrund spielten bei Männern demgegenüber nur eine sehr geringe Rolle, auch der therapeutische Bereich oder Präventionsangebote seien primär auf die Bedürfnisse von Frauen ausgelegt. Zahlreiche Männer bezahlen diese “psychische Unterversorgung” mit ihrem Leben: Männer mit Kombinationen aus psychischen und körperlichen Erkrankungen sterben im Schnitt rund 20 Jahre eher als Männer mit chronischen körperlichen Leiden. Die Experten fordern vor diesem Hintergrund ein Umdenken in Gesellschaft und Gesundheitswesen sowie das Überdenken der gesellschaftlichen Männlichkeitsvorstellungen als Voraussetzung der Förderung von Männergesundheit “jenseits der Apparatemedizin”.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer greift der “Männergesundheitsreport 2013″ ein wesentliches Thema auf, das wir auch aus unserer Praxis kennen. Viele, wenn nicht die meisten Männer definieren sich auch heute über ihre Leistungsfähigkeit und ihr Vermögen, mit den Belastungen in Job und Alltag souverän umzugehen. In unseren Intensivtrainings zur Burnout-Prävention bieten wir gerade Männern, die normalerweise mit beiden Beinen fest im Leben stehen, einen geschützten und auf Wunsch auch anonymen Raum, um mit den Belastungen ihrer Seele künftig besser umzugehen.

Autor:
Datum: Freitag, 26. April 2013 9:54
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Burnout-Syndrom

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben