Mythen und Fakten über Burnout

Stress, Burnout und ihre Folgen gehören in der gesellschaftlichen Diskussion derzeit zu den “großen Themen”. Eine wachsende Zahl Betroffener – und durchaus nicht nur Prominente – macht ihre Burnout-Erfahrungen öffentlich. Unternehmen, Krankenkassen sowie die Gesellschaft insgesamt leiden unter Produktivitätsausfällen und steigenden Kosten für die chronische Erschöpfung.

Auf dem Internet-Portal des Fernsehsenders “n-tv” publizierte Professor Dr. Jörg Fengler, bis zu seiner Emeritierung Leiter des Fachbereiches für Klinische und Pädagogische Psychologie an der Uni Köln, jetzt eine Übersicht von gängigen Mythen und Fakten zum Thema Burnout.

  • Burnout – eine Modediagnose?

Ja und Nein. Zwar werde seit längerem fast jede Form von Überforderung oder Deprimiert-Sein unter die Burnout-Diagnose subsumiert. Fengler hegt hier die Vermutung, dass sich die Menschen durch den Burnout-Begriff in ihrem Leiden “gewürdigt und verstanden fühlen”. Bisher gingen die Betroffenen mit psychischen Erkrankungen nur selten so offen um wie mit einem Burnout, im Übrigen weise dieser durchaus Parallelen zu klinischen Diagnosen wie beispielsweise Depressionen auf. Zum Lifestyle-Thema werde Burnout – anhand der “Outings Prominenter” – vor allem in der Medien-Debatte.

  • Sammelbegriff oder echte Krankheit?

Der Experte folgt in dieser Frage der Burnout-Definition der WHO, welche diesen nur als “Zusatzdiagnose” zu einer klinischen Behandlungsdiagnose gelten lässt. Entscheidend ist aus seiner Sicht hier die Vielfalt der Auslöser und Gründe der Erkrankung von privatem Frust bis Arbeitsstress, aus denen sich jeweils unterschiedliche Behandlungsansätze ergeben können.

  • Ein Burnout trifft nur Leistungsträger?

Eindeutig ist dieser Kontext sicher nicht. Die Praxis zeigt jedoch, dass viele Burnout-Opfer für ihre Tätigkeit “gebrannt” – sehr engagiert und leistungsbezogen gearbeitet – haben. Starke Leistungsorientierung, Perfektionismus, zu hohe Ansprüche an die eigene Arbeit oder der unbedingte “Wille zum Erfolg” können unter ungünstigen Umständen durchaus in einen Burnout münden. Viele Burnout-Kandidaten leiden an ihren Arbeitsplätzen auch von vornherein unter dem Gefühl, den Ansprüchen des Jobs nicht zu genügen. Grundsätzlich gilt jedoch: Das Burnout-Syndrom kann jeden treffen.

  • Burnout und Depressionen – eigentlich dieselbe Krankheit?

Fenglers Ansatz unterscheidet sich hier von den Konzepten der meisten Psychologen, die Burnout und Depressionen entweder als im Kern identisch sehen oder die beiden Leiden nach exogenen (äußeren, primär arbeitsbezogenen) und endogenen Auslösern unterscheiden. Der Kölner Burnout-Forscher ist der Meinung, dass sich aus einem Burnout zwar eine Depression entwickeln kann, jedoch nicht jeder Burnout auch von einer Depression begleitet wird. Allerdings sind die Symptome von Burnout und Depressionen eng verwandt sowie in fortgeschritten Burnout-Stadien nahezu identisch.

  • Eine Auszeit reicht zur Burnout-Therapie?

Ob ein längerer Urlaub oder eine Verringerung der Arbeitsstunden ausreicht, um manifeste Burnout-Symptome zu überwinden, hängt davon ab, wie weit die chronische Erschöpfung bereits fortgeschritten ist und wie nachhaltig bei den Betroffenen schädliche Verhaltensmuster bereits verankert sind. Da bei der Burnout-Entstehung jedoch fast immer mehrere – individuelle und soziale – Faktoren zusammenwirken, ist in der Regel professionelle Hilfe dringend angeraten.

Auch Entspannungsübungen sind zwar “ein guter Anfang”, verhindern für sich genommen jedoch noch keinen Burnout. Vielmehr gehe es um das Erreichen einer “inneren Haltung von Entspannung” inklusive Reflexion und kontinuierlicher Selbstkontrolle, die verhindern, dass negative Muster immer wieder Raum erhalten.

  • Wer einen Burnout überwunden hat, erleidet in der Regel keinen Rückfall?

In der Praxis ist dies leider umgekehrt – auch nach einem leichten Burnout bleiben die Betroffenen auf lange Sicht Burnout-gefährdeter als Menschen, die von vornherein und in allen ihren Lebensphasen “besser für sich sorgen” konnten. Viele Burnout-Opfer setzen nach dieser Erfahrung in ihrem Leben deutlich andere Prioritäten und nutzen den Leidensdruck damit als Entwicklungspotenzial. Anderen fällt es sehr schwer, sich aus dem “Strudel der Überforderung” nachhaltig zu befreien. Als Lebensphasen mit besonders hohem Burnout-Risiko identifizierte Fengler – durchaus unter dem Begriff “Praxisschock” – die ersten beiden Jahre nach dem Berufsstart sowie das mittlere Lebensalter mit rund 15 bis 20 Jahren Berufserfahrung.

Autor:
Datum: Dienstag, 30. April 2013 11:58
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Burnout-Syndrom

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben