Patrick Kury: Stress, Burnout und das “Leiden an der Digitalisierung”

Der Schweizer Historiker Dr. Patrick Kury hat ein interessantes Buch zur Wissensgeschichte von Stress und Burnout vorgelegt. In seiner Veröffentlichung “Der überforderte Mensch” diskutiert er die Entwicklung des Stress-Begriffes im 20. und 21. Jahrhundert – mit einer ganzen Reihe spannender und teils auch provokanter Thesen. Dem Online-Nachrichtenportal “heise/teliopolis” gab Kury jetzt ein Interview, in dem er die Geschichte von Stress und Burnout mit der Ausprägung der digitalen (Dienst-)Leistungsgesellschaft verbindet. Hinter dem inzwischen omnipräsenten “Reden über Stress” verbirgt sich aus seiner Sicht auch eine fortwährende Anpassungsleistung an ein verändertes soziales Umfeld. Als Krankheitsursache sei Stress ebenso als Anpassung an die Leistungsgesellschaft wie als Auflehnung gegen diese zu verstehen.

Kurys Hauptkritik an der aktuellen Stress- und Burnout-Diskussion richtet sich gegen die Individualisierung von Problemlagen, die durch gesellschaftliche Prozesse entstanden sind, in ihren Folgen aber vorrangig von Einzelnen – mit Hilfe einer ständig wachsenden “psychologischen Industrie” bewältigt werden sollen. Mit seiner Diskussion des Stress-Begriffs will er das “Leiden an der Digitalgesellschaft” wieder in einen historischen und sozialen Kontext stellen.

Stress und Burnout – semantische Hüllen für soziales Unbehagen

Stress ist laut Patrick Kury ein noch recht junger Begriff, der in den 1930er Jahren in Kanada und den USA – dort vor allem durch Militär-Psychiater – zur Beschreibung neuer Krankheitsbilder und Belastungsfolgen entwickelt wurde. Die heute ebenfalls vorhandenen biochemischen Modelle zur Erklärung von Stress und seinen gesundheitlichen Folgen waren zu dieser Zeit noch unbekannt – Stress wurde daher von vornherein vor allem als ein kulturelles Phänomen beschrieben.

Seinen eigentlichen Aufstieg erlebte der Stress-Begriff seit den 1970er Jahren, nachdem sich die Psychologie zunehmend als Lebenshilfe-Wissenschaft etablieren konnte. Bis heute reflektiert er vor allem die Gegebenheiten einer sich rasant beschleunigenden Epoche und nicht zuletzt der globalen Digitalisierung. “Stress” und “Burnout” als inhaltlich weitgehend offene Begriffe lieferten vor diesem Hintergrund eine semantische Hülle, die ermöglicht, das Unbehagen an der Leistungsgesellschaft sowie die Erfahrung der mit ihr verbundenen seelischen und körperlichen Leiden auszudrücken.

Burnout in den 1970er Jahren – Syndrom von Menschen mit niedrigem sozialem Status

Interessant ist auch Kurys Analyse der sozialen Aufwertung des Begriffes “Burnout”. In den Anfängen der modernen Burnout-Forschung wurde das Syndrom vor allem Menschen in sozialen und/oder pflegenden Berufen – und dort vor allem Frauen – zugeschrieben. Als “Gratifikationskrise” wurde er mit fehlender Anerkennung und Kontrolle über die eigenen Arbeitsbedingungen, limitiertem Einkommen sowie einem eher niedrigem beruflichen Status verknüpft. Menschen mit einer hohen sozialen Position waren bis in die 1990er Jahre hinein stattdessen von der deutlich prestigeträchtigeren “Managerkrankheit” betroffen, die als “Krankheit einer männlichen Elite” galt. Heute wird ein Burnout dagegen fast durchgängig als im Hinblick auf Geschlecht und Status unspezifisch definiert, allgemein den “Leistungsträgern” der Gesellschaft zugeschrieben und spielt damit – anders als psychische Erkrankungen wie Depressionen – eine Rolle als sozial akzeptierte Belastungsfolge. Parallel dazu habe sich die negative Bewertung von Stress als Ursache zahlreicher gesundheitlicher Störungen als ein medizinisches und soziales Paradigma etabliert.

Patrick Kury betonte allerdings ausdrücklich, dass es sich bei “Belastungskrankheiten” wie Burnout nicht um rein diskursive oder “eingebildete” Probleme handelt – im Gegenteil: Die Betroffenen leiden darunter ebenso wie unter jeder anderen Krankheit. Die Rolle von Belastungskrankheiten als kulturelles und sozial nicht stigmatisierendes Ventil gegen die gesellschaftliche und in ihrem Kern strukturelle Überforderung wird dadurch jedoch nicht aufgehoben.

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Datum: Freitag, 19. Oktober 2012 11:57
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