Präsenzkultur im Job – Produktivitäts-Killer und Burnout-Faktor

Die Hamburger Karriere-Beraterin Svenja Hofert kritisierte in ihrer regelmäßigen Kolumne für das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” die Präsenzkultur in vielen Unternehmen und auch die “Arbeitsbesessenheit” vieler Selbstständiger und Freiberufler. Sie plädiert damit für eine neue Definition von Arbeit, die statt von Anwesenheitspflichten von einem persönlich optimalen zeitlichen Rahmen für die eigene Leistung ausgeht. Der Idealzustand dafür ist für sie der sogenannte “Flow”, den unter anderem der US-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihailyi in einem Buch gleichen Namens beschrieben hat: Wer diesen schafft – und ihn sich in seiner Arbeit gestattet – balanciert damit Über- oder Unterforderungseinflüsse aus, vergisst die Zeit ebenso wie den Gelderwerbsaspekt der Arbeit und leistet so ein Maximum.

Arbeitsstunden als das “Maß der Dinge”

Das Problem sieht Svenja Hofert unter anderem in “Arbeitsverträgen 1.0″, die den Bedingungen der modernen Arbeitswelt und einem produktiven individuellen Arbeitsrhythmus meistens nicht entsprechen, jedoch nach wie vor unsere Vorstellung von Arbeit prägen. Eine (Arbeits-)Stunde wird dabei zu einem “unbestechlichen Messwert”, Leistung wird entsprechend als die Anzahl der am Arbeitsplatz verbrachten Stunden definiert. Auch die diversen Arbeitszeitmodelle in Unternehmen bauen auf diesem Ansatz auf. Völlig starre Arbeitszeiten sind zwar nur noch in wenigen Branchen üblich, aber auch bei Gleitzeit oder Zeit-Flatrates – also Modellen, bei denen das Gehalt auch alle Überstunden abdeckt – sind nicht Inhalte, sondern eben Stunden das Maß der Dinge.

Unsere Vorstellung von “guter Arbeit” ist nach wie vor durch die Zeit geprägt, die jemand am Arbeitsplatz verbringt. Anwesenheit am Abend oder sogar am Wochenende ist bei Vorgesetzten und Kollegen oft besonders gern gesehen. Jemand, der seine Arbeit – seinem eigenen Leistungs-Hoch oder familiären Verpflichtungen entsprechend – in die frühen Morgenstunden legt und dafür pünktlich Feierabend macht, wird meist erleben, dass dieser Umgang mit der Arbeitszeit ein Karriere-Killer ist, im ungünstigsten Fall kann er zu offenem Mobbing führen. Svenja Hofert kritisiert in diesem Kontext nicht nur die Zeitkontrolle in den Unternehmen, sondern auch unser eigenes, lebenslang verinnerlichtes Kontrollverhalten und die daraus folgende Präsenzkultur, die in Form von 60-Stunden-Wochen, Wochenendarbeit und dem Verzicht auf Urlaub auch in den ersten Jahren ihrer Selbstständigkeit noch prägend war. Ob der Output bei dieser Art von “Arbeitszwang” dem Zeitaufwand entspricht, sei jedoch mehr als fraglich.

Persönliche Arbeitszeit-Limits gegen Burnout

Die Karriere-Expertin rührt hier – zumindest bei angestellten Arbeitnehmern – allerdings an ein Dilemma. Präsenzpflicht im Büro bis in den späten Abend ist für die eigene Produktivität und damit auch die Unternehmen in den meisten Fällen wenig förderlich. Durch Überlastung, einen zu starken Arbeits-Fokus und zu wenig selbstbestimmte Zeit kann sie auf lange Sicht auch direkt in den Burnout führen. Andererseits ist es für den einzelnen Arbeitnehmer schwierig, eine darauf ausgerichtete Unternehmensphilosophie und das entsprechende Arbeitsklima zu verändern. Wichtig – und meist auch möglich – ist in solchen Fällen, einen persönlich akzeptablen Kompromiss zu finden und so die Überstunden aus “sozialen Gründen” wirksam zu begrenzen. Wenn sich dann noch die Möglichkeit zur Arbeit “im Flow” ergibt, ist diese Kombination nicht zuletzt eine sehr gute Burnout-Prävention.

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Datum: Freitag, 16. November 2012 11:50
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