Psychische Belastungen am Arbeitsplatz – Verminderung durch EU-Kontrollen?

Als eine Facette in der aktuellen Debatte um psychische Belastungen in der Arbeitswelt und das daraus folgende Burnout-Risiko spielte vor einigen Wochen auch die Rolle der Gewerbeaufsichtsämter eine Rolle. Diese sind in Deutschland die einzigen Behörden, die sich direkt in den Unternehmen ein Bild von den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten machten und gegebenenfalls entsprechende Auflagen erteilen können. Allerdings wurde das Personal der Gewerbeaufsichtsämter in den letzten zehn Jahren in einem Maße ausgedünnt, dass jährlich nur noch rund fünf Prozent aller Unternehmen mit einer Betriebsprüfung rechnen müssen. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz wurden nur bei einem Bruchteil der Prüfungen überhaupt zum Thema. Ein EU- Projekt will hier jetzt Verbesserungen erzielen.

Überprüfung psychischer Belastungen in ausgewählten Brachen

Der Thüringer Landesbetrieb für Arbeitsschutz und technischen Verbraucherschutz (TLAtV) überprüft jetzt im Rahmen einer europäischen Initiative Risikofaktoren und Indikatoren für psychische Belastungen und hat hier insbesondere Kurierdienste sowie Hotel- und Gaststättenbetriebe im Fokus. Die Mitarbeiter beider Branchen gelten unter anderem aufgrund ihrer generell hohen Arbeitsbelastung, oft niedriger Gehälter und unregelmäßiger Arbeitszeiten als besonders stark Burnout-gefährdet.

Bei den Besuchen geht es nicht nur um eine sogenannte Gefährdungsbeurteilung als wichtiges Instrument des Arbeitsschutzes, das dabei hilft, gesundheitliche Risiken für die Mitarbeiter aus ihrer konkreten Tätigkeit heraus zu ermitteln, vielmehr sollen die Prüfungen auch als Gesprächsgrundlage mit den Arbeitgebern dienen, um Maßnahmen zur Reduktion der psychischen Belastung ihrer Mitarbeiter in Gang zu setzen.

Betriebliche Kontrollen – mit nachhaltiger Wirkung oder nur punktuellen Erfolgen

Das TALtV-Projekt ist Teil einer Aufsichtskampagne, die vom “Ausschuss hoher Aufsichtsbeamter der Europäischen Union” (SLIC) beschlossen wurde und den staatlichen Arbeitsschutz zur Gefährdungsbeurteilung im Hinblick auf psychische Belastungen aktivieren will. Für Deutschland hat sich der “Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik” (LASI) der Kampagne angeschlossen und unterstützt die zuständigen Behörden bei der Umsetzung des Programms.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer bleibt allerdings abzuwarten, welche Ergebnisse die Kampagne in der Praxis bringt. Das Auffinden von Gefährdungspotenzialen in den Unternehmen kann sicher für die jeweiligen Belegschaften positive Veränderungen bringen. Die grundlegenden Faktoren hinter dem immer größeren Arbeitsdruck – Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Verwischung der Grenzen zwischen Arbeit und privater Zeit, die Sicht vieler Unternehmen auf ihre Mitarbeiter als “menschliche Ressourcen” statt als Menschen mit limitiertem zeitlichem und seelischem Leistungs-Potenzial – werden sich dadurch allenfalls punktuell verändern lassen.

Autor:
Datum: Mittwoch, 31. Oktober 2012 11:45
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Burnout-Syndrom

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben