Schweizer Studie: Druck und Multitasking können leistungssteigernd wirken

Zu den zentralen Themen der Burnout-Debatte gehören permanenter Arbeitsdruck und Multitasking. In den entsprechenden Studien geben die Befragten immer wieder an, dass sie gerade durch Zeitmangel und den Zwang, mehrere Arbeiten parallel erledigen zu müssen, an ihre Leistungsgrenzen kommen. Eine Untersuchung der Universität Basel kam jetzt jedoch zu dem Schluss, dass Stress und Druck bei bestimmten Aufgaben als Produktivitätsfaktoren wirken können, bei anderen Aufgaben sei Stress dagegen kontraproduktiv. Die Ergebnisse veröffentlichten die Psychologin Bettina von Helversen und ihr Forschungsteam jetzt im Fachjournal “Psychological Science”.

Demnach verändern Menschen unter Druck bei bestimmten Tätigkeiten ihre Arbeitsweise: Anstatt nach Regeln vorzugehen, arbeiten und entscheiden sie nach Ähnlichkeitsstrategien. Wenn ein Arzt eine Diagnose beispielsweise unter Zeitdruck stellen muss, greift er dabei vor allem auf seinen Erfahrungsschatz und Analogien zu vergleichbaren früheren Fällen zurück. Ohne Druck orientiert er sich stärker an Symptomen und damit an einer regelbasierten Diagnostik.

Bei komplexeren Aufgaben führt oft Multitasking zum Erfolg

Die Schweizer Studie baut auf zwei Experimenten auf. In einem dieser Tests mussten 90 Probanden eine Aufgabe lösen, bei der es optimal war, nach Ähnlichkeitsstrategien vorzugehen. Diese wurden jedoch nur von jenen Studienteilnehmern eingesetzt, die dabei eine weitere Aufgabe lösen und somit Multitasking praktizieren mussten. Alle anderen Probanden setzen regelbasierte Lösungsstrategien ein und kamen damit zu schlechteren Ergebnissen als die erste Gruppe. Druck durch Multitasking wirkt unter bestimmten Voraussetzungen also direkt leistungssteigernd. Im zweiten Test erhielten 60 Teilnehmer eine Aufgabe, die am besten regelbasiert zu lösen war. Unter Druck kamen jedoch auch hier Ähnlichkeitsstrategien zum Einsatz – mit schlechteren Ergebnissen als bei der Probandengruppe mit einem angemessenen Arbeitsrhythmus.

Bettina von Helversen geht davon aus, dass ihre Studie bisherige Expertenmeinungen wiederlegt, die davon ausgehen, dass Berufstätige bei Druck und Multitasking grundsätzlich schneller ermüden und öfter Fehler machen. In der Realität ergeben sich diese Effekte jedoch vor allem aus dem Charakter der konkreten Tätigkeit – bei komplexeren Aufgaben führe oft gerade Multitasking zum Erfolg.

Aber: Das psychologische Experiment lässt den Arbeitsalltag außer Acht

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer mögen die Studienergebnisse an und für sich genommen richtig sein, in der Praxis werfen sie mehr als eine Frage auf: Die Experimente simulieren Belastungssituationen für einen begrenzten Zeitraum – wie aber gehen Menschen damit um, an ihrem Arbeitsplatz Hetze, Druck und Multitasking tagtäglich zu erleben? Welchen Einfluss haben Arbeitnehmer tatsächlich auf den Charakter ihrer Tätigkeit, auf die dafür optimalen Arbeitsstrategien und das Ausschalten von Multitasking, falls dies für eine konzentrierte, produktive Arbeit nötig ist? Könnten die Konsequenzen dieser Studie nicht auch bedeuten, dass Arbeitgeber die positive Bewertung ihrer Mitarbeiter noch stärker daran binden, ob diese Zeitmangel, Arbeitsdruck und eine permanente mehrfache Belastung “unbeschadet” überstehen?

Die Schweizer Untersuchung wirft einmal mehr ein Licht auf das Dilemma der aktuellen Burnout-Diskussion: Auf den Inhalt und die Bedingungen seiner Arbeit hat der einzelne Beschäftigte trotz der sich ausweitenden Gesundheitsförderung in den Unternehmen nur einen sehr bedingten Einfluss. Wir raten daher immer auch zu einer individuellen Burnout-Prävention. In unseren Anti-Burnout-Trainings erleben Sie eine produktive Auszeit und arbeiten an Ihrer persönlichen Strategie für einen möglichst selbstbestimmten Alltag.

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Datum: Dienstag, 14. Mai 2013 9:49
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