Stressoren – zwischen alltäglicher Belastung und Kindheitstraumata

Das Forschungs- und Beratungsunternehmen Gallup Deutschland hat eine aktuelle Studie zur Burnout-Problematik vorgelegt. In einer Zufallsbefragung wurden dafür 2.198 Arbeitnehmer zu den Themen Arbeitsstress und Burnout interviewt. 18 Prozent der Befragten gaben dabei an, dass sie oft unter “Arbeitshetze” litten, 24 Prozent müssen immer mehr Leistung in immer kürzerer Zeit verbringen. Ein knappes Drittel von ihnen fühlte sich im letzten Monat “ausgebrannt”. Gallup hat diese Zahlen auf ganz Deutschland hochgerechnet und liefert damit ein dramatisch-düsteres Bild: Demnach droht in der Bundesrepublik insgesamt 11,2 Millionen Menschen ein Burnout oder eine andere Stresserkrankung.

Auf den ersten Blick legen diese Untersuchung – und zahlreiche weitere Studien – nahe, dass in der Arbeitswelt entsprechender Handlungsbedarf überfällig ist. Trotzdem bleiben hier viele offene Fragen: Bedeuten diese Zahlen wirklich, dass zumindest der Tendenz nach die Mehrheit der Erwerbsbevölkerung nicht fähig ist, sich an die Anforderungen des modernen Arbeitslebens anzupassen? Verschleißen Unternehmen ihre Belegschaften auch deshalb körperlich und psychisch, weil sie sich an den Voraussetzungen der “traditionellen Industriegesellschaft”, statt an den Anforderungen einer digitalen und globalen Arbeitswelt orientieren? Welche Strategien – gesellschaftlich und individuell – haben eine wirklich nachhaltige Burnout-Prävention zur Folge? Der Psychosomatik-Spezialist Professor Ulrich T. Egle entwickelte – am Beispiel von stressgeplagten Ärzten – in einem FAZ-Artikel eine Antwort, die sowohl arbeitsbezogene Faktoren als auch aktuelle neurobiologische Erkenntnisse einbezieht.

Stress bringt seelische Grundbedürfnisse aus dem Lot

Für seinen Artikel zitierte Egle den US-amerikanischen Mediziner Tait Shanafelt, der an der Mayo-Klinik in Minnesota tätig ist: Shanafelt schrieb, dass gerade das, was Ärzte auszeichne, ihr Burnout-Risiko signifikant erhöhe. Es geht dabei um hohe Arbeitsbelastung, Leistungsbereitschaft, hohe Selbstanforderungen und Altruismus – im Endeffekt gönnen sich viele Ärzte nur selten eine Auszeit. Aus Sicht von Psychosomatikern geraten als Folge davon nicht nur im Medizinbetrieb, sondern im modernen Arbeitsleben insgesamt vier seelische Grundbedürfnisse aus dem Lot: Orientierung und Kontrolle über die eigene Tätigkeit, der Wunsch nach Teilhabe und sozialem Eingebundensein, der Wunsch nach Anerkennung und positiver Kommunikation sowie ausreichende Möglichkeiten zur Entspannung.

Frühkindliche Erfahrungen prägen Stressverhalten

Ulrich T. Egle hebt allerdings auch hervor, dass Stress zum Leben gehört und aus diesem nicht eliminierbar ist. Ein Burnout-Risiko ist erst dann gegeben, wenn der Stress nicht mehr bewältigt werden kann. Die Fähigkeit – oder Unfähigkeit – zur Stressbewältigung lernen Menschen aus seiner Sicht bereits im frühen Kindesalter. Zur Ausbildung von Stressresistenz in dieser Lebensphase gehören unter anderem feste Bezugspersonen, die ein stabiles Gleichgewicht zwischen Angst vor Gefahr und Neugier schaffen und insgesamt für stabile Bindungen und die “innere Sicherheit” des Kindes sorgen. Ein positives Umfeld in jungen Jahren schafft so die Grundlagen für reife Konfliktbewältigungsstrategien im späteren Leben.

Als Beleg für diese These führt Egle eine Fülle neurobiologischer Studien der letzten Jahre an, die eine “hirnphysiologische Kausalkette” offenlegen: Frühkindliche Traumata führen auch über neurobiologische Faktoren zu psychischen Leiden im Erwachsenenalter. Dass frühkindlicher Stress über psychobiologische Mechanismen und eine entsprechende Wirkstruktur verschiedener neuronaler Botenstoffe spätere Stressbewältigungstörungen zur Folge haben und sogar die Lebenserwartung verkürzen kann, ist wissenschaftlich nachgewiesen.

Professor Egle plädiert vor diesem Hintergrund für eine “berufliche Burnout-Prävention”, die bisher maßgeblich in den Händen der potentiellen Burnout-Opfer liegt. Speziell für Ärzte – aber nicht nur für diese – sei insbesondere ein konsequentes Zeitmanagement nötig, in dem Zeit für Notfälle ebenso geplant ist wie Zeit für den Austausch mit Kollegen oder echte Freizeit. Auch Kommunikations-Trainings könnten dabei helfen, das Stress-Level im Arbeitsalltag zu verbessern.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer spielen als Anti-Burnout-Strategie gerade im Hinblick auf die von Ulrich T. Egle umrissene Problematik noch weitere Faktoren eine Rolle: Negativen Einflüssen respektive Stress im frühen Kindesalter waren wir wohl fast alle ausgesetzt – die Frage ist, ob wir diesen nachhaltig kompensieren konnten oder ob als Folge traumatische Erfahrungen unser Leben prägen. In unseren Intensiv-Trainings zur Burnout-Prävention bearbeiten wir gemeinsam mit Ihnen sowohl praktische Fragen und Verhaltensänderungen als auch lebensgeschichtliche Faktoren, die im Hintergrund – Ihnen selbst vielleicht bisher völlig unbewusst – als Stressoren wirken.

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Datum: Freitag, 3. Mai 2013 10:31
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