Vermischung von Burnout und Depressionen ist potentiell gefährlich

In der Debatte darüber, ob Burnout eine eigenständige Erkrankung oder mit Depressionen gleichzusetzen ist, meldete sich jetzt auch der Freiburger Neurobiologe und Psychiater Professor Dr. Joachim Bauer mit einem sehr spannenden Beitrag zu Wort. Der in Psychiatrie und Innerer Medizin habilitierte Wissenschaftler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Wirkung von genetischen Dispositionen auf das Nerven- und Immunsystem, aktuell widmet er sich auch der Burnout-Forschung. Die Gleichsetzung von Burnout und Depressionen durch viele Fachkollegen sowie der WHO hält er nicht nur für falsch, sondern in ihren Folgen auch für potentiell gefährlich.

Psychopharmaka helfen gegen Burnout nicht

Das Burnout-Syndrom definiert Professor Bauer als eine auf den Arbeitsplatz bezogene Störung von Leistungsfähigkeit und Motivation. Depressionen sind demgegenüber eine Krankheit, die “den ganzen Menschen” und seine gesamte Lebensrealität erfasst. Wenn die Kriterien der beiden Leiden bei der Diagnose nicht klar unterschieden werden, droht aus Bauers Sicht “auf breiter Front” der Einzug von Psychopharmaka in die Unternehmen. Zum einen können die Medikamente einen positiven Wandel der Arbeitsbedingungen nicht ersetzen, zum anderen belegen wissenschaftliche Studien immer wieder, dass die Mehrheit der Burnout-Opfer nicht unter Depressionen leiden. Für den Arzt bedeute dies unter anderem, bei Patienten, die über chronische Erschöpfung klagen, eine mögliche Depression klar von den Burnout-Symptomen abzugrenzen.

Als Burnout-Ursachen führt der Mediziner das bekannte Spektrum an: Die generelle Beschleunigung unserer Alltagswelt, Arbeitshetze und -Verdichtung, die Fragmentierung vieler Tätigkeiten, ständige Erreichbarkeit sowie die Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und privatem Leben. Für Prävention und Früherkennung sieht er neben Betriebsärzten und Firmenleitungen auch die Betroffenen in der Pflicht: Eine wirkungsvolle Burnout-Therapie sollte idealerwiese zu nachhaltigen Verhaltensänderungen, der Definition neuer individueller Grenzen und einer “gesundheitsdienlicheren” individuellen Gestaltung des Arbeitsalltags sowie des persönlichen Lebensstiles führen. In schweren Fällen ist meist außerdem eine längere Auszeit angeraten. Gleichzeitig sollte eine Zunahme von Burnout-Fällen immer auch ein Signal für Führungskräfte und Arbeitgeber sein, die Arbeitsbedingungen und Kommunikationsstrukturen ihrer Firma kritisch zu beleuchten.

Menschenwürdige Arbeit – eine “riesige positive Ressource”

Trotzdem – und entgegen der oft einseitigen Arbeitswelt-Kritik in der aktuellen Burnout-Debatte – sieht Professor Bauer Arbeit als eine “riesige positive Ressource”, die, unter anderem über die Stimulierung der Motivations-Systeme des Gehirns, zu unserer Gesundheit beiträgt. Bei einer ausgewogenen Balance zwischen Arbeitsbelastung, Selbstbestimmung, persönlicher Wertschätzung und Anerkennung verkraften Menschen auch sehr intensive Arbeitsphasen – mit der Betonung auf “Phasen”, nicht als Dauerzustand – ohne gesundheitliche Schäden. Im Hinblick auf die Burnout-Prävention in den Unternehmen plädiert er neben einer stärkeren Fokussierung der Betriebsärzte auf psychische Probleme für die Einrichtung von Supervisions-Gruppen und Gesundheitszirkeln als Teil eines betrieblichen Frühwarn-Systems gegen Burnout. Im Unternehmensalltag könne sich auch Jobsharing als wirkungsvolle Präventionsmaßnahme erweisen, indem es nicht nur die individuelle Belastung, sondern auch die “Monotonie” am Arbeitsplatz vermindert. Die drei “wichtigsten Wünsche” des Experten für die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Arbeitnehmer zielen auf einen “neuen gesellschaftlichen Dialogs” über ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld, das Erkennen der Bedeutung von positiver Kommunikation und zwischenmenschlichen Faktoren für die psychische Gesundheit im Betrieb sowie Akzeptanz dafür, dass es Genuss und Erfüllung auch außerhalb des Arbeitslebens gibt.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer bringt Professor Joachim Bauer damit die wesentlichen Punkte – und Perspektiven – der aktuellen Burnout-Debatte auf den Punkt. In der individuellen Arbeit mit unseren Klienten halten wir die Wiederentdeckung der eigenen Arbeit als “positive Ressource” für besonders wichtig. In unseren Intensiv-Trainings zur Burnout-Prävention setzen wir dabei auf die intensive Arbeit an inneren und äußeren Stressoren mit dem Ziel einer ausgewogen Balance zwischen einer Arbeit, die als produktiv und persönlich positiv empfunden wird und Zeit für Erholung, Muße und Entspannung. Der Weg dorthin kann in individuellen Verhaltensänderungen bestehen, in anderen Fällen begleiten unsere erfahrenen Therapeuten jedoch auch bei der Entscheidung für eine grundsätzlichere berufliche oder persönliche Neuorientierung.

Autor:
Datum: Dienstag, 7. Mai 2013 11:04
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Burnout-Syndrom

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben