Work-Life-Balance in deutschen Unternehmen – weltweit auf den hinteren Plätzen

Im Hinblick auf die Arbeitsbelastung und die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter steht es bei deutschen Firmen im internationalen Vergleich eher schlecht. Zu diesem Ergebnis kam die US-amerikanische Personalberatung Towers-Watson in ihrer “Global Talent Management & Rewards Study 2012″, für die sie weltweit mehr als 1.600 Unternehmen zu ihren Vergütungssystemen und ihrem Talent-Management befragte.

Aus der Studie geht hervor, dass die Arbeitsbelastung in deutschen Unternehmen deutlich angestiegen ist. Zwei Drittel der interviewten Führungskräfte waren sich bewusst, dass ihre Mitarbeiter von einer ausgeglichenen Work-Life-Balance nur träumen können. Olaf Lang, Bereichsleiter “Talents & Rewards” bei Towers-Watson, sah diese Situation auch im Kontext des Wettbewerbsdrucks, unter dem die Unternehmen stehen. Die erhöhte Arbeitsbelastung ergibt sich oft aus der Notwendigkeit, Produktionsprozesse kurzfristig zu optimieren oder die Umsatzsituation der Firma zu verbessern.

Motivations-Killer “Dauersprint” im Job

Das Problem besteht laut Olaf Lang dabei nicht nur in einem durch die zusätzliche Belastung direkt erhöhten Burnout-Risiko, sondern auch darin, dass bei einem “Dauersprint” die Motivation der Mitarbeiter erlahme. Die parallel zur “Talents & Rewards”-Studie erhobene “Towers-Watson Global Workforce Study 2012″ zeige, dass viele Arbeitnehmer durchaus bereit sind, für ihr Unternehmen in schwierigen Zeiten Höchstleistungen zu erbringen. Gleichzeitig mache die Erhebung deutlich, dass eine positive Work-Life-Balance die Mitarbeiter zu dauerhaft guten Arbeitsergebnissen motiviere. Lang rät Unternehmensleitungen und Führungskräften daher dringend zu Strategien in dieser Richtung.

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern schneidet Deutschland sowohl bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter als auch bei der Work-Life-Balance-Bewertung durch das Management deutlich schlechter ab. Im globalen Durchschnitt gaben 52 Prozent der Führungskräfte an, dass die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter stimmt, in Deutschland zeigten sich damit nur 31 Prozent der Manager zufrieden. Diese Situation bleibt für deutsche Unternehmen nicht ohne Folgen. Towers-Watson-Berater Jürgen Haselgruber schätzt die Bindung deutscher Arbeitnehmer an ihre Firma im internationalen Vergleich als niedrig ein und führt diesen Fakt nicht zuletzt auf ihre sehr hohe Arbeitsbelastung zurück. Auch “Employer Branding” – die Profilierung eines Unternehmens als für Arbeitnehmer attraktivem Arbeitgeber und entsprechende Weiterempfehlungen durch die eigenen Belegschaft – sei in Deutschland weniger ausgeprägt als in anderswo.

Dauerstress und fehlende Work-Life-Balance als Kündigungsgrund

Gleichzeitig hat die Studie gezeigt, dass sich hinter so manchem Jobwechsel die Kapitulation vor dem Arbeitsstress verbirgt. Aus Sicht der Mitarbeiter zählt die Erkenntnis, dass sich die Stressbelastung im gegenwärtigen Unternehmen nicht reduzieren lässt, zu den zehn wichtigsten Gründen für einen Stellenwechsel. In Deutschland haben 70 Prozent aller Unternehmen Probleme, vor allem junge Fachleute dauerhaft an sich zu binden, international sind es nur 54 Prozent. In jeder dritten deutschen Firma – weltweit nur in jeder fünften – ist die Fluktuation von jungen Akademikern besonders hoch.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer belegt die Towers-Watson-Studie einmal mehr, dass Arbeitnehmer keine “menschlichen Ressourcen” sondern Menschen sind, die für optimale Leistungen und Bindung auch die entsprechenden Bedingungen brauchen. Interessant im Hinblick auf eine aktive Burnout-Prävention ist unter anderem die Motivations-Problematik in den Unternehmen: Mit dem Schwinden der eigenen Motivation angesichts eines dauerhaft zu hohen Arbeitsdrucks kommt ein Teufelskreis in Gang, der von hohem Engagement zu Sinnverlust und psychischer Erschöpfung führt. Bei denjenigen, die sich dieser Situation nicht durch Kündigung oder nachhaltige persönliche Verhaltensänderungen entziehen, steht am Ende oft ein manifester Burnout.

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Datum: Freitag, 9. November 2012 10:34
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